Report: Party überall - USA feiern die Obama-Wende

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Deutsche Presse-Agentur

Nachdem die Worte des Amtseides über dem Meer der Menschen verhallt waren, bricht eine unerwartete Stille aus. Es ist vielleicht der feierlichste Augenblick dieses Tages; vermutlich dauerte er nur eine Sekunde, allerhöchstens zwei. Dann erst brandet der Jubel auf.

Wildfremde Menschen liegen sich vor dem Kapitol in Washington in den Armen, viele weinen. „Es war wie eine Explosion der Freude“, schwärmt eine junge Frau in der Menge. Es ist der Augenblick, da Barack Hussein Obama die politische Macht in den Vereinigten Staaten übernahm.

Lange hatten die Amerikaner auf diese Stunde gewartet, viele hatten ihr regelrecht entgegengefiebert. Als der scheidende Präsident George W. Bush bei der Zeremonie auf dem Westflügel des Kapitols vor das Volk tritt, ertönen Buh-Rufe - selbst in der Stunde des Abschieds wollten die Menschen ihren Groll nicht zügeln.

Was sich an diesem Dienstag in der Hauptstadt der mächtigsten Nation der Welt abspielt, ist mehr als ein Regierungswechsel, mehr als der Machtantritt eines neuen Präsidenten - für die Millionen Obama-Anhänger handelt es sich um eine Zeitenwende. „Das ist die Morgenröte eines neuen Tages“, schwärmt ein ältere Afro-Amerikaner, der bereits andere Zeiten in den USA erlebt hat. „Von heute an wird die Welt anders auf Amerika schauen“, meinte Jesse Jackson Junior, Sohn des berühmten Bürgerrechtlers. Aus aus ihm spricht die Sehnsucht vieler Amerikaner, wieder mehr geliebt zu werden in der Welt.

Für Barack Obama begann der große Tag in der Kirche. Es ist kurz vor neun Uhr, als er die St. John's Episcopal Church betritt, das frisch renovierte Gotteshaus einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt. 47 Jahre alt ist der Mann mit der dunklen Hautfarbe, der auf der Kirchenbank Platz nimmt. Außer seiner Frau Michelle wird wohl niemand je erfahren, was Barack Obama in dieser Stunde durch den Kopf geht. Was denkt jemand, der Präsident der Vereinigten Staaten wird?

Während Obama die letzte Stunde der Ruhe erlebt, kämpft sich das Heer der Normalsterblichen zu den Örtlichkeiten der historischen Ereignisse vor. Lange vor dem Morgengrauen strömen die Menschen aus allen Himmelsrichtungen zum Kapitol und der National Mall. Es ist kurz vor fünf Uhr an der Metro-Station Tenleytown, einer der besseren Wohnviertel Washingtons: Zwar beginnt die Vereidigung nicht vor Mittag - doch die U-Bahnen sind schon jetzt rappelvoll. „Yes we can“, rufen die Hineindrängenden an jeder weiteren Station. Etwa die Hälfte der Passagiere sind Afro-Amerikaner. In der Bahn blitzen die Fotoapparate ohne Ende. „Vollste Metro in der US-Geschichte“, ruft ein Witzbold. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

In der Innenstadt sind die Cafés ab sechs Uhr früh überfüllt. Es ist bitterkalt an diesem Morgen. Ein Segen, dass in Amerika der Kaffee in Pappbechern serviert wird - den Becher kann man zum Wärmen nach draußen nehmen. Die Stimmung ist ausgelassen.

In der Nähe der Pennsylvania Avenue, wo die große Parade durchkommt, feilscht eine Frau im Pelzmantel mit einem fliegenden Händler. Mittleres Alter, Typ erfolgreiche Schwarze aus besserem Hause, mit selbstbewussten Gesichtsausdruck und glatt gekämmten Haaren. Sie entscheidet sich für eine Sternenbanner-Fahne mit Obama- Porträt. „Five Dollars, five Dollars“, feixt sie den erstbesten Passanten an; sie lacht als habe sie das Schnäppchen ihres Lebens gemacht.

Washington gilt in den USA als „schwarze Stadt“, 56 Prozent der Bewohner sind Afro-Amerikaner, nur 35 Prozent Weiße. Noch immer gibt es Wohnviertel, in denen so gut wie ausschließlich wohlhabende Weiße leben, und es gibt heruntergekommene „Schwarzenviertel“, die Weiße meiden. Viele, sehr viele Menschen, die an diesem Tag die Innenstadt bevölkern, sind Afro-Amerikaner. Aber es ist dennoch kein „Fest der Schwarzen“, das Amerika an diesem Tag erlebt.

Ein paar Schritte weiter, vier Soldaten in Uniform suchen ihren Weg. Blutjunge Burschen mit blassen, unsicheren Gesichtern, ihre kahlgeschorenen Köpfe über eine Straßenkarte gebeugt. Sie sind hilflos. Ihre Uniformen, ihre Stiefel sind für Wüstenklima gemacht. Ob sie nicht frieren bei der Saukälte? „No, it's a wonderful day“, meint der Wortführer. Nichts kann an diesem Tag die Laune verderben.

Es ist ein prachtvoller Tag, über Washington spannt sich ein hoher, blauer Himmel. Es ist, als könnte man das Aufatmen der Menschen spüren. „Bye Bye Bush, Bye Bye Bush“ singen die Leute in einem U-Bahn-Wagen. Es herrscht die Stimmung des Neuanfangs, der Erneuerung. „History is in the making“, nennen das die Amerikaner. Es wird Geschichte gemacht. „Obama we are ready“, ruft eine junge Frau, die schon seit Stunden auf Einlass auf die National Mall wartet. Obama, wir sind bereit.

„Phänomen Obama“: Lange nicht mehr hat es einen solchen Charismatiker, einen solchen Menschenfischer gegeben. Das Spektakel, das sich an diesem Tag vollzieht, ist eine Feier in der Krise. Taumelnde Banken, die Wirtschaft auf Talfahrt - die Nation geht durch ein Tal der Tränen. Allein das jugendlich wirkende Gesicht Obamas, die junge Familie mit den beiden lächelnden Töchtern erwärmt die Herzen der Amerikaner; seit John F. Kennedy hatte das Land nicht mehr einen solchen strahlenden Präsidenten. Wer an diesem Tag zwischen Kapitol und Weißem Haus unterwegs ist, für den ist das Wort „Krise“ tabu - es ist die Stunde der großen Gefühle.

Auf der Bühne vor dem Kapitol, wo Obama die Hand zum Eid erhebt, sitzt auch Denzel Washington, der schwarze Schauspieler und Hollywood-Star. „Wir haben eine lange Zeit gewartet, um hierhin zu gelangen“, sagte er. Auch das ist das „Phänomen Obama“ - Machtwechsel als neues Kapitel im Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß. Das Gebäude, auf dessen Stufen Denzel Washington sitzt und Barack Hussein Obama vereidigt wird, ist von Sklavenhand erbaut worden.

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