Renaissance der Muße: Urlauber sehnen sich nach Ruhe

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Deutsche Presse-Agentur

Sangria aus Zehn-Liter-Eimern, Party bis zum Morgengrauen - für manche soll der Urlaub maximalen Spaß bringen. Aber die Fraktion derer, die das Gegenteil will, wächst: Muße statt Mucke, Entspannen statt Enthemmen, Selbstfindung statt Sauforgie.

Bei manchem Veranstalter gibt es Reisen zu buchen, die vor allem eines bieten: die Möglichkeit, im Urlaub abzuschalten und den Alltag hinter sich zu lassen. Noch sei es ein kleiner Kreis, der vor allem Urlaub macht, um Ruhe zu finden. „Aber es ist eine zunehmende Entwicklung innerhalb des Tourismus“, sagt Prof. Martin Lohmann, Tourismusforscher aus Kiel.

Die Erwartungen an den Urlaub sind dabei unterschiedlich: Da gibt es zum einen die Gruppe derer, die vor allem Zeit für sich selbst haben möchte. „Schließlich ist Zeit für manche heute genauso Luxus wie für andere ein Marmorbad.“ Diesen Reisenden gehe es nicht unbedingt darum, im Urlaub Sinnfragen zu klären. Andere hoffen dagegen, dass Selbstbesinnung und die Suche nach Antworten auf grundlegende Fragen über den Urlaub hinaus wirken: „Es kann durchaus sein, dass einige die therapeutischen Effekte dabei überschätzen.“

Der Trendforscher Matthias Horx hat schon 2003 vorhergesagt, dass sich das „Ich“ als neue Reisedestination etablieren werde. „Und diese Prognose erfüllt sich auch“, sagt Susanne Leder, die über „Muße im Tourismus“ promoviert hat. Statt Expeditionen in die Ferne sind „Reisen zu sich selbst“ im Kommen. „Selfness“ ist das Schlagwort dafür, wenn Selbstfindung, Entschleunigung und innere Ruhe im Mittelpunkt des Urlaubs stehen sollen. „Mußetourismus“ nennt Leder passende Angebote, zu denen Wander- und Hüttenurlaube, Meditationswochen, Wüstenreisen und Klosteraufenthalte zählen

Wachsenden Bedarf an solchen Urlaubsformen sieht Susanne Leder vor allem vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen: Der Trend zu immer höherem Leistungsdruck am Arbeitsplatz störe bei vielen die Balance aus An- und Entspannung, sagt Leder, die für die Tourismusregion Müllerthal in Echternach in Luxemburg arbeitet. Zeitknappheit, Hektik und Komplexität des Alltags haben ihrer Ansicht nach zur Folge, dass sich diejenigen, die beruflich stark gefordert sind, im Urlaub weniger Abwechslung und Unterhaltung wünschen.

„Einerseits haben die Menschen heute ein hohes Maß an persönlicher Freiheit“, ergänzt Prof. Heinz-Dieter Quack. „Andererseits sind sie auch für vieles allein verantwortlich, was früher sicher schien - wie die Altersvorsorge“, erklärt der Leiter des Europäischen Tourismus Instituts (ETI) in Trier. Viele fühlten sich vom Alltag überfordert, „die Orientierung wird schwieriger.“ Und viele Fragen stellten sich drängender als für frühere Generationen: „Wie möchte ich leben? Wie viel will ich arbeiten? Will ich mit meinem Partner zusammenleben?“

Oft ist im hektischen Alltag keine Zeit, sich lange mit der Suche nach Antworten zu beschäftigen - und fast zwangsläufig bleibt nur der Urlaub. Dass die Zahl derer zunimmt, die sich Mußeurlaub gönnt, davon ist Susanne Leder überzeugt. „Aber das wird auch in Zukunft nichts für die Massenveranstalter sein“, sagt Prof. Lohmann. „Das wäre in gewisser Hinsicht auch ein Widerspruch in sich.“

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