Ratlosigkeit und Entsetzen im Wohnort des Täters

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Deutsche Presse-Agentur

Ein weißer Neubau, an den Fenstern graue Fensterläden aus Metall. Immer wieder tragen Polizisten an diesem Mittwochnachmittag Kisten aus dem Haus, vorbei an einer blauen Säule im Vorbau und einem kleinen Teich mit teuren Koi-Karpfen im Vorgarten.

In den Kisten steckt Beweismaterial zu einer der dramatischsten Gewalttaten in Baden-Württemberg: Es ist das Wohnhaus des Amokläufers von Winnenden. Das Haus liegt in einer Sackgasse in Leutenbach rund 25 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. In dem 3000 Seelen zählenden Ortsteil Weiler zum Stein ist das Entsetzen groß. Ratlos stehen die Nachbarn an der Straße und beobachten die Arbeit der Ermittler.

„Das war ein ruhiger, sehr zurückhaltender Junge. Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt“, sagt ein Jugendlicher aus dem Ort über den Täter. Dieser sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber runtergeschluckt. Von seinen Eltern und deren Waffenarsenal habe man im Ort nichts gewusst. „Ich kriege Gänsehaut, wenn ich das im Fernsehen immer wieder sehe“, erzählt er von seinen Eindrücken.

Ein Mädchen aus der neben der Albertville-Schule liegenden Geschwister-Scholl-Schule ergänzt: „Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen.“ Die Inhaberin eines kleinen Lebensmittelladens direkt gegenüber von dem durchsuchten Haus nickt betroffen: „Das ist ganz komisch, wenn das in der Nachbarschaft passiert. Man kriegt ein richtig mulmiges Gefühl.“ Die Kunden, die an diesem Mittwoch den kleinen Raum betreten, schütteln die Köpfe. Das Entsetzen steht ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Keiner von ihnen könne sich die Tat erklären, erzählen sie.

„Gegen halb elf ist der erste Streifenwagen vorgefahren“, erzählt die Inhaberin, also rund eine Stunde nachdem der Amoklauf in der rund ein Kilometer entfernten Schule begonnen hatte. Manchmal hätten die Eltern des Amokläufers bei ihr Pakete abgegeben. Sie könne aber über deren Charakter kaum etwas sagen, „unauffällig“ seien sie gewesen. Eine ältere Nachbarin ergänzt, dass die Familie schon lange im Ort lebe, einige Häuser im Umkreis besitze und durch den Verkauf von Streuobstwiesen zu „einigem Geld“ gekommen sei. Den Mord findet sie unglaublich und über den Täter sagt sie: „Das war ja noch ein halbes Kind.“

Am späten Nachmittag ziehen schließlich die rund 30 Ermittler aus dem Haus ab. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die Eltern bereits seit Stunden bei der Vernehmung.

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