Psychologen: Einmaliger Fall in Kriminalgeschichte

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Deutsche Presse-Agentur

Der Fall des 73-jährigen Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen hielt, und der bei zahllosen Vergewaltigungen sieben Kinder mit ihr zeugte, ist nach Ansicht des österreichischen Gerichtspsychologen Reinhard Haller „einmalig“ in der Kriminalgeschichte.

Fritzl, der vom kommendem Montag (16. März) an in St. Pölten vor Gericht steht, sei ein „hochintelligenter“ Täter mit einer „bösartigen Form des Narzismus“, sagte Haller der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Für seine Opfer, die Tochter Elisabeth und ihre sechs Kinder, die zum Teil ihr Leben lang in einem dunklen Kellerverlies ohne Frischluft und Tageslicht lebten, gibt es jedoch Hoffnung auf ein einigermaßen normales Leben. Das meint zumindest die Wiener Psychologin und Spezialistin für posttraumatische Belastungsstörungen, Brigitte Lueger-Schuster.

Für Haller, der in den 1990-er Jahren bereits den berüchtigten österreichischen „Bomber“ Franz Fuchs analysierte, ist klar, dass Fritzl für seine Taten voll verantwortlich ist. Für den Psychologen ist „sicher, dass der Mann nicht schwachsinnig, sondern hoch intelligent“ und dabei auch nicht psychisch krank ist: „Ein psychisch Kranker könnte nie mit dieser Konstanz und mit dieser Kraft, mit dieser Entschlossenheit etwas durchziehen über einen so langen Zeitraum hinweg.“ Gleichzeitig müsse der 73-Jährige aber „zweifelsohne auch eine hochgradig abnorme Persönlichkeit sein, bei welcher Machtausübung eine ganz entscheidende Rolle spielt“. Hinter all seinen Taten stecke „diese bösartige Form des Narzismus.“

Nach Meinung des Experten lässt sich das Verhalten des Angeklagten gegenüber seiner Tochter und seiner Familie auch nicht allein mit seiner eigenen schweren Kindheit mit zahlreichen seelischen Misshandlungen durch seine Mutter erklären. Zwar sei bekannt, dass derartig behandelte Opfer später „zu Quälern werden“; dies aber sei keine Erklärung „für dieses Verbrechen, weil es sonst viel mehr Fritzls geben müsste“. Krank sei Fritzl deshalb dennoch nicht, meint der anerkannte Forensiker: „Krankheit heißt, dass das Denken wirr wird, dass man Stimmen hört, dass man in einer wahnhaften Welt lebt, dass man wie gesagt ein völlig unfreier Mensch geworden ist. Und der relevante Unterschied ist: Der Persönlichkeitsgestörte hat natürlich einen freien Willen, während der psychisch Gestörte das nicht hat.“

Dass Fritzl am Ende seine Opfer in die Freiheit entließ, sei bei ihm letztlich eine Frage des Alters gewesen. Haller: „Irgendwann geht einem dann einmal diese Kraft und dieses zielgerichtete Vorgehen und auch diese enorme Anstrengung die so ein Doppelleben erfordert, verloren.“

Ungeachtet der Jahrzehnte dauernden Gefangenschaft und oft unerträglichen Gewalt durch Josef Fritzl haben seine Opfer nach Meinung der Wiener Psychologin Brigitte Lueger-Schuster, Chancen auf ein lebenswertes Leben. „Wir wissen von massiven Traumatisierungen durch KZ-Haft über viele Jahre hinweg, dass eine Erholung möglich ist, dass aber die Spuren des Traumas ein Leben lang vorhanden sind“, betont die Wissenschaftlerin. „Eine Heilung in dem Sinne, dass man alle Symptome auf Dauer loswird, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es ihr (Elisabeth) gelingt, auch Lebensphasen mit wirklich guter Lebensqualität zu haben.“ Dazu benötigten Elisabeth Fritzl (42) und ihre überlebenden sechs Kinder vor allem Ruhe: „Das braucht einen intimen Rahmen, den man ihr auch lässt.“ Aus diesem Grunde müsse ihr auch der volle Persönlichkeits- und Opferschutz zugesichert werden.

Rückfälle seien jedoch auch bei lang andauernder Behandlung immer wieder möglich, warnt die Professorin: „Es kann sein, dass es zu plötzlichen Intrusionen - also plötzlich wiederauftretenden Erinnerungen - kommt. Zum Teil in bildhafter Form, zum Teil auch in Geräuschen. Dass sie Ängste bekommt, wenn sie bestimmte Dinge hört, die sie an ihre ehemalige Situation erinnern. Es kann sein, dass sie darauf sehr unglücklich oder depressiv wird.“ Allerdings brächten die Opfer bereits gute Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben mit. „Die Opfer haben ja schon eine Übung im Miteinanderleben. Die haben das ja schon alle gemacht. Was das letztlich für ein Leben über der Oberfläche bedeutet, ist schwer zu sagen. Aber die haben mit Sicherheit Kompetenzen, miteinander zu leben, weil sie's ja schon zuvor getan haben“, betont Lueger-Schuster.

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