Linken-Chef Ernst
Linken-Chef Ernst

Aus Protest gegen die Mehrfachbezüge von Linken-Chef Klaus Ernst haben zwei prominente Mitglieder aus dem Kreis Ravensburg ihren Austritt aus der Partei angekündigt: Mirco Kolarczik aus Ravensburg, der 2009 hiesiger Bundestagskandidat seiner Partei war und derzeit in Berlin studiert, und Jürgen Angelbeck aus Wilhelmsdorf, der früher SPD-Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt war.

Von unserer Redakteurin Annette Vincenz

Jürgen Angelbeck saß von 1990 an für die SPD im sachsen-anhaltinischen Landtag und trat 2005 wegen Gerhard Schröders neoliberaler Politik, vor allem der Hartz-IV-Gesetzgebung, aus seiner Partei aus. Danach gehörte noch eine Weile als Parteiloser dem Landtag an und trat später in die PDS ein. Nach seinem Umzug nach Wilhelmsdorf, wo seine Frau her stammt und wo die beiden ihren Lebensabend verbringen möchten, überredete ihn der damalige Kreisvorsitzende Mirco Kolarczik, sich für die Linke zu engagieren. Seit 2009 ist Angelbeck stellvertretender Kreisvorsitzender. Angewidert von seiner Partei und dessen Bundeschef Klaus Ernst, tritt der 62-Jährige zum 14. August aus.

„Ich habe eine Sauwut“, sagt Angelbeck, und die beziehe sich nicht nur auf die Raffgier-Vorwürfe und staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen seinen Parteichef, der möglicherweise private Reisekosten über die Bundestagsverwaltung abgerechnet hat, sondern auf die Partei insgesamt. „Wir wollten eine Alternative zur verkommenen SPD sein, Anwalt für die Armen, uns für die Opfer von Hartz IV einsetzen“, empört sich Angelbeck. „Und jetzt geht es nur noch darum, Pöstchen zu kriegen.“

Ermutigt durch gute Umfragewerte, seien die Linken seiner Meinung nach mehr darauf aus, lukrative Ämter als Mandatsträger in Bund und Ländern zu bekommen als die Verhältnisse in Deutschland zu verbessern. „Man lebt nur noch davon, gegen den Krieg in Afghanistan zu sein und vielleicht noch gegen Stuttgart 21.“ Inhaltlich bewege man gar nichts. Ekelhaft sei es geradezu, wenn einzelne Linke sich doppelt bezahlen ließen: vom Steuerzahler und von Gewerkschaften. „Wir können doch nicht bei CDU- oder FDP-Abgeordneten anprangern, dass sie gleichzeitig Aufsichtsratsposten oder Nebenverdienste in der Wirtschaft oder bei Arbeitgeberverbänden haben und uns selbst auch von anderen bezahlen lassen.“ Anträge des Ravensburger Kreisverbandes, Nebenverdienste von Linken-Abgeordneten auszuschließen, seien abgelehnt worden. „Wir machen uns einfach unglaubwürdig.“

Angelbeck hat seinen Austritt bewusst erst auf den 14. August verlegt, weil dann eine wichtige Kreisvorstandssitzung stattfindet und er dort die Geschäfte geregelt übergeben will. „Ich bin kein Politchaot.“ Für die Zukunft des Kreisverbandes sieht er jedoch schwarz. Wie bundesweit üblich, zahlt ein Viertel der Linken-Parteimitglieder gar nicht erst Mitgliederbeiträge, ein Landtagskandidat aus den eigenen Reihen finde sich wahrscheinlich nicht, stattdessen sei ein Gewerkschaftsfunktionär aus Aalen im Gespräch.

Auch Mirco Kolarczik, der 2009 als Bundestagskandidat im Wahlkreis Ravensburg ein Aushängeschild seiner Partei war – jung, intelligent, eloquent – wirft die Brocken hin. Der 26-Jährige studiert mittlerweile in Berlin und ist maßlos enttäuscht von der Linken, in der er fast sieben Jahre lang Mitglied war (zunächst noch in der PDS). „Klaus Ernst ist nicht wirklich ausschlaggebend, sondern das Gesamtbild der Partei in den letzten zwei, zweieinhalb Jahren“, meint Kolarczik. Kritik an der Führung sei unerwünscht, Basisdemokratie existiere nur auf dem Papier. Gerade in Baden-Württemberg gehe es nur darum, Gewerkschaftsfunktionären Landtagssitze zu verschaffen. Anders als die Grünen, die ihre Mitglieder aus Intellektuellen rekrutierten, entwickle sich die Linke nicht nach vorn. Die Ökopartei ist aber derzeit keine Alternative für den Jungpolitiker, der bei der Bundestagswahl im erzkonservativen Kreis Ravensburg über sechs Prozent für die Linke holte. „Mein Ziel war es ja mal, den Sozialismus aufzubauen.“ Davon sei die Linke aber Jahrhunderte entfernt.

Austritte gibt es auch im Kreis Sigmaringen: Dort verlassen Kreisverbandsvorsitzender Rainer Kalthofen und sein Stellvertreter Karl Magnus Friedrich aus Protest die Partei.

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