Professor Witt: Der ideale Kandidat ist kompetent, integer, authentisch

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Professor Paul Witt von der Hochschule Kehl unterrichtet angehende Bürgermeister.
Professor Paul Witt von der Hochschule Kehl unterrichtet angehende Bürgermeister.
Schwäbische Zeitung

Professor Dr. Paul Witt ist Rektor der Hochschule für Öffentliche Verwaltung in Kehl. Der Wahlkampf-Experte gibt bundesweit beachtete Seminare und öffentliche Workshops mit dem Titel: „Wie werde oder bleibe ich Bürgermeister?“ Über den Wahlkampf in Ravensburg sprach der Experte mit unserem Redakteur Dirk Grupe.

SZ: Herr Witt, beobachten Sie aus der Ferne den Wahlkampf in Ravensburg?

Paul Witt: Nur am Rande, ich weiß, dass Oswald Metzger antritt und auch der Bürgermeister von Sigmaringen.

SZ: Oswald Metzger hatte im ersten Wahlgang einen Rückstand von 17 Prozent auf Daniel Rapp aus Sigmaringen. Ist der Vorsprung aufzuholen?

Witt: Theoretisch schon, es kommt auf die Konstellation an. Kommen zwei Kandidaten aus politisch unterschiedlichen Lagern, kann der zurückliegende Kandidat im zweiten Wahlgang die Stimmen der ausgestiegenen Kandidaten einsammeln. In Ravensburg ist es allerdings so, dass beide Kandidaten aus derselben Partei kommen. Das macht eine Aufholjagd schwer. Zudem gelten zehn Prozent Rückstand in der Regel als das Maximum. Für unmöglich halte ich es aber nicht.

SZ: Neben Daniel Rapp, Oswald Metzger und anderen trat im ersten Wahlgang auch eine Reihe von Außenseitern an. Beobachter kritisierten ein schwaches Kandidatenfeld – eine allgemeine Tendenz?

Witt: Nein, das lässt sich nicht sagen. Sicher, es treten auch immer wieder Kandidaten an, die nicht vom Fach kommen. Insgesamt ist das Kandidatenfeld aber mal besser, mal schlechter, da gibt es keine Regel.

SZ: Haben Außenseiter überhaupt eine Chance?

Witt: Sehr selten, das sehen Sie schon daran, dass 85 Prozent aller Bürger- und Oberbürgermeister in Baden-Württemberg bei uns studiert haben, also Verwaltungsfachleute sind. Der Bürger wählt Kompetenz, dazu zählen auch Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Auch Einheimische haben es schwer, bei ihnen wird von vornherein Verfilzung mit den Strukturen befürchtet, sie scheitern bei Wahlen zu 90 Prozent.

SZ: Kompetenz ist wichtig, im Wahlkampf nehmen Inhalte aber einen überraschend kleinen Raum ein, die Positionen der Kandidaten unterscheiden sich kaum. Eine bedenkliche Entwicklung?

Witt: Nein, eine Bürgermeisterwahl ist eine Personenwahl. Die Person als solche und sein Charakter stehen also im Mittelpunkt und nicht die Konzepte.

SZ: Wahlkampf sollte man also möglichst inhaltsleer gestalten?

Witt: Das nun auch wieder nicht. Ein Kandidat sollte zu den einzelnen Themen klar Position beziehen, aber auch deutlich machen, dass nicht er die Entscheidungen trifft, sondern der Gemeinderat. Es kommt also auf die Balance an.

SZ: Im Ravensburger Wahlkampf spielte der Internetdienst Twitter eine Rolle. Gewinnen die modernen Kommunikationsmittel an Bedeutung bei einer Kommunalwahl?

Witt: Das hält sich in Grenzen. Wir haben beispielsweise untersucht, dass nur zehn Prozent der Wähler die Homepage eines Kandidaten besuchen. Allerdings wächst die Bedeutung des Internets.

SZ: Für Irritationen sorgte in Ravensburg auch, dass Kandidaten E-Mails mit Wahlwerbung ungefragt an Persönlichkeiten der Stadt verschickt haben. Ist das unlauter?

Witt: Ob hier ein rechtliches Problem besteht, kann ich nicht sagen. Ob diese E-Mails Sinn machen, ist allerdings eine andere Frage an. Der Adressat kann sich schnell belästigt fühlen, der erhoffte Werbeeffekt ist damit dahin.

SZ: Was sollte ein Kandidat darüber hinaus auf keinen Fall im Wahlkampf machen?

Witt: Wir vermitteln unseren Kursteilnehmern, dass sie nur für sich Wahlkampf machen sollen – und nicht gegen den Mitbewerber. Das kommt nicht gut an.

SZ: Fallstrick Schmutzkampagne?

Witt: So etwas geht gar nicht.

SZ: Muss der Kandidat denn ein guter Schauspieler sein?

Witt: Auf gar keinen Fall. Auch das gehört zu den Grundregeln: Der Kandidat muss authentisch sein. Werbeagenturen beraten ihre Kandidaten in dieser Hinsicht oft falsch. Ich weiß von einem Fall, da riet die Agentur dem Mann, sich im Wahlkampf von seinem Porsche zu trennen und stattdessen einen VW zu fahren. Die Sache flog auf – und die Wahl war verloren.

SZ: Irgendwann fällt die Maske?

Witt: Genau.

SZ: Ganz knapp, wie muss der ideale Kandidat sein?

Witt: Kompetent, integer, authentisch.

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