Porträt: „Michel“ Glos will nicht mehr

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Deutsche Presse-Agentur

Wohl fühlte sich Michael Glos in dem Amt eigentlich nie. Immer wieder erzählte er, dass er nach dem Rückzieher von Edmund Stoiber 2005 „wie die Jungfrau zum Kinde“ zum Posten des Wirtschaftsministers gekommen sei. Die Opposition hielt ihn von Anfang an für eine grandiose Fehlbesetzung.

„Schlaftablette auf zwei Beinen“, lästerte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn. Und FDP-Vize Rainer Brüderle sah in Glos den „Problembären“ der Regierung Merkel. Nach außen hin blieb der 64-Jährige ungerührt: „Ich brauche keine Schlaftabletten.“ Oder: „Wer austeilen kann, muss auch einstecken können.“

Ausgeteilt hat Glos in seiner über 30-jährigen Polit-Karriere gerne. 1976 war er als damals jüngster CSU-Abgeordneter in den Bundestag eingezogen. Bevor er überraschend Minister wurde, zog er als Chef der CSU-Landesgruppe zwölf Jahre an den Strippen. In Parlament und Talkrunden war er immer für einen deftigen Kalauer gut - vor allem in der Zeit von Rot-Grün, als er die Grünen schon mal als „Öko-Stalinisten und ehemalige Terroristen“ beschimpfte.

Doch Menschen aus seinem Umfeld berichten, dass Glos dünnhäutiger geworden sei. Die ständige Häme in der Presse und den eigenen Reihen habe Spuren hinterlassen. Auch von Angela Merkel war er enttäuscht. Obwohl der äußerst loyale Glos „die Angie“ stets über den grünen Klee lobte, gelang es ihm nicht, die dauerhafte Rückendeckung der Kanzlerin zu gewinnen. Merkel reagierte kürzlich und lud den schmollenden Glos zu einem Abendessen ein - mehr nicht.

Das rächte sich in vielen Scharmützeln mit Umweltminister Sigmar Gabriel oder Finanzminister Peer Steinbrück (beide SPD). Bei Klimaschutz, Mindestlöhnen, VW-Gesetz oder Steuersenkungen trat Glos im Sinne der Wirtschaft immer wieder als Mahner auf. Viel mehr als zu kritischen Fußnoten bei Kabinettsbeschlüssen langte es meist nicht. Oft preschte Glos morgens in Interviews mit Ideen vor, die es aber nicht mehr in die Abendnachrichten schafften, weil Kanzleramt oder Finanzministerium sofort knallhart dementierten.

Auf Auslandsreisen oder bei Ortsterminen in der Wirtschaft blühte Glos auf. Er, der nach dem Tod des Vaters früh Verantwortung für den eigenen Mühlenbetrieb in Prichsenstadt bei Schweinfurt übernahm, hatte für den Mittelstand immer ein offenes Ohr. Auch seine Rolle als Vorkämpfer für niedrigere Strom- und Gaspreise gefiel ihm. Bei Umweltschützern war er schlecht gelitten, weil er die Atomkraft befürwortet.

Offen zutage trat seine Machtlosigkeit in der Finanzkrise. Glos spielte beim Bankencrash - laut Kanzlerin die größte Herausforderung seit der großen Depression in den 20er Jahren - nur eine Statistenrolle. Und als Horst Seehofer in München Partei- und Regierungschef wurde, wuchs parteiintern der Druck. Das ständige Störfeuer aus München bestärkte Glos wohl in seinem über Wochen gereiften Entschluss, die Brocken hinzuschmeißen.

Dazu gesellte sich in der Vorwoche der kleine Aufreger, als sein Fahrer angeblich einem Polizisten über den Fuß fuhr, weil der Glos' Limousine an einer Straßensperre nicht passieren ließ. „Rambo-Glos“ titelte die Boulevardpresse. Trotz allem will der 64-Jährige in der Politik bleiben. Sein Wiedereinzug in den Bundestag gilt als sicher.

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