Pillen gegen Stress: Doping im Job verbreitet

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Deutsche Presse-Agentur

Dass manche Sportler dopen, ist kein Geheimnis. Nun hat die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) untersucht, ob die Deutschen auch am Arbeitsplatz ihre Leistung mit Pillen verbessern wollen - als Antwort auf den wachsenden Stress in der Arbeitswelt.

Die Kasse meint nun: Ja. Zwei Millionen gesunde Menschen greifen nach einer Umfrage für den DAK-Gesundheitsreport 2009 für bessere Leistungen im Job manchmal zu aufputschenden oder beruhigenden Pillen und zu Arzneien gegen Konzentrationsprobleme. 800 000 dopten sich inzwischen regelmäßig mit Medikamenten, die für depressive, demente oder hyperaktive Menschen gedacht sind.

Grundlage für diese Zahlen ist eine DAK-Umfrage unter 3000 Arbeitnehmern zwischen 20 und 50 Jahren. Fünf Prozent der Befragten gaben an, im Job schon einmal Medikamente für mehr Leistung oder bessere Stimmung eingenommen zu haben - ohne medizinischen Grund. Vier von zehn Interviewten schlucken laut Umfrage fast täglich Antidepressiva, Betablockern oder andere Medikamente. Darunter seien viele Akademiker, heißt es bei der DAK, bereits im Studium fange das Dopen an. Männer neigten eher zu Aufputschmitteln, Frauen zu Beruhigungspillen gegen Ängste. Bei den gängigen Medikamenten kommt laut DAK nur jede dritte Empfehlung vom Arzt. Bezugsquellen seien das Internet, Familie, Freunde und Kollegen.

„Bedenklich“ nennt die DAK das Ergebnis ihrer Untersuchung. Skandalisieren will sie es nicht, lieber analysieren. DAK-Vorstand Herbert Rebscher sieht die Ursachen für das neue Doping im Zusammenhang mit wachsenden Leistungs- und Wettbewerbsdruck der Arbeitswelt - gerade in Zeiten von Wirtschaftskrisen. Dass viele Beschäftigte auf zu viel Stress im Job mit seelischen Krankheiten reagieren, messen die Krankenkassen seit langem. Der Anteil psychischer Leiden am Krankenstand stieg nach dem DAK- Gesundheitsreport, in den Daten von 2,5 Millionen Arbeitnehmern einfließen, zwischen 1998 und 2008 von 6,6 auf 10,6 Prozent.

Doch bei den neuen Dopern liegt der Fall etwas anders. Sie haben Stress im Job oder Ärger mit Kollegen, doch sie sind nicht psychisch krank. Vertraut man den DAK-Zahlen, lösen manche ihre Probleme aber lieber mit Pillen, statt Grenzen zu setzen. „Ein Teil der Menschen tappt dabei in eine Doping-Falle wie Sportler“, sagt Rebscher. Es gehe um Nebenwirkungen und Suchtpotenziale. Im Kern aber mag es auch um die Ideale der modernen Arbeitswelt gehen: den stets motivierten, konzentrierten, kreativen und immer verfügbaren Menschen.

Was auf eine Überdosierung von Aufputschmitteln folgen kann, beschreibt Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Psychiatrieklinik: „Nach 96 Stunden sind das Angstgefühle, Weinkrämpfe oder Schlaflosigkeit, der klassische Nervenzusammenbruch“, sagt sie. Sie hält es dennoch für einen „legitimen und nachvollziehbaren Anspruch“, wenn Menschen nach Medikamenten zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder ihrer Stimmung suchten. „Das ist ähnlich wie bei der plastischen Chirurgie“, sagt Heuser. Es gibt nur einen Unterschied. Die Risiken beim Lifting sind bekannt - beim Doping im Job sind sie es nicht. „Wir kennen die Langzeit-Wirkungen dieser Medikamente auf Gesunde überhaupt nicht“, ergänzt Heuser.

Internet: www.dak.de

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