Pianistisches Gewitter bricht herein

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Das Klavierkonzert „Deutsch-Italienischer Abend“ der Gesellschaft für Kunst und Kultur mit der Pianistin Henriette Gärtner bot ein Programm mit Werken italienischer und deutscher Komponisten, aber auch von Tonsetzern anderer Länder. Der erste Teil des Programms war wohl zum Warmspielen für den zweiten Teil gedacht, in dem technisch anspruchsvolle, hochvirtuose Transkriptionen vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert zu hören waren.

Das Programm begann italienisch mit der Sonate V in C von Baldassare Galuppi (1706-85); die drei Sätze steigern das Tempo vom Andante bis zum Allegro assai; melodiöse Linien wechselten mit technisch anspruchsvollen Partien, alles wunderbar klar und einfühlsam im reinen Fingerspiel dargeboten. Mit müheloser Technik und tiefem Musikverständnis lockte die Künstlerin die verborgenen Schönheiten und überraschenden Modulationen der sieben Bagatellen op. 33 von Beethoven heraus und verwandelte die scheinbaren „Kleinigkeiten“ zu musikalischen Perlen. Den Abschluss des ersten Teils machte die Sonate in cis op. 27,2 von van Beethoven. Henriette Gärtner erläuterte, warum der nicht vom Komponisten stammende Titel „Mondscheinsonate“ irreführend sei. Sie gestaltete den ersten Satz als eine Trauermusik voller Sehnsucht nach der verlorenen Geliebten, den zweiten als Tanzstück ohne Trauer und Schmerzen, den dritten als einen leidenschaftlichen Ausbruch der schmerzvollen Erinnerung. Im zweiten Teil des Programms brach dann in Form von hochvirtuosen Transkriptionen ein pianistisches Gewitter mit Blitz und Donner über die Zuhörerschaft herein, wie man es wohl in Sigmaringen noch nie erlebt hat.

Die Übertragung von Bachs berühmter Orgeltoccata in d durch den Polen Carl Tausig (1841-71) ließ die Orgel vergessen. In den Variationen über ein Thema aus Rossinis Oper „La Cenerentola“ von Henri Herz (1803-88) wurden Anklänge an die damalige Salonmusik in anspruchsvolle Technik und sonore Klangfülle eingebettet. Bei der Rigoletto-Paraphrase (Verdi) von Franz Liszt (1811-86), dem Vater der Transkription, diente der ganze mühelos von der Pianistin gemeisterte virtuose Aufwand dazu, die Melodien hervorzuheben. Ruhiger ging es in der stimmungsvollen Übertragung von Schumanns Lied “Der Nussbaum” von Leah Levinson aus Moskau zu.

Und dann stürzte sich Henriette Gärtner in Carl Tausigs gewaltigen und gewalttätigen „Ritt der Walküren“ aus der Oper „Die Walküre“ von Richard Wagner, der Pianistin wie Instrument mit vierfachem (!) Fortissimo alles abverlangte. Staunte man bei früheren Auftritten schon über ihre perfekte Technik und kraftvolle Virtuosität, so erlebte man eine nicht vorstellbare Steigerung. Geballte Oktaven- und Akkordgänge, weiträumige Sprünge und Tonrepetitionen im schnellsten Tempo in Verbindung mit einer ausgefeilten Pedalbehandlung, alles scheinbar mühelos ausgeführt, dienten nur dazu, die hinter den Noten schlummernde Musik zum Leben zu erwecken. Für die Ovationen und Sträuße bedankte sich Henriette Gärtner mit einer Sigmaringer Erstaufführung: dem Albumblatt „Ahnung“ des diesjährigen Musikjubilars Robert Schumann (1810-56), das vor wenigen Monaten zufällig in Überlingen gefunden wurde.

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