Pflege: Stehenbleiben soll es nicht geben

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Manne Lucha
Manne Lucha (Foto: Fotos: Felix Kaestle)

Vier Diskutanten zum Thema Krankenhäuser und Pflege auf dem Podium – aber immerhin neben Meinungsunterschieden auch übereinstimmende Standpunkte. So hat übergreifend Konsens geherrscht, dass es in beiden Bereichen nicht so bleiben kann wie es ist. Manne Lucha, Baden-Württembergs Minister für Soziales und Integration, hielt das Impulsreferat vor der Diskussionsrunde. Der Grünen-Politiker betonte: „Jeder soll am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Behandlung bekommen.“ Er machte deutlich, zwischen welchen Koordinaten sich Gesundheitsexperten bewegen – etwa mit Blick auf den Mangel von Fachkräften und überkommene Strukturen.

Zu letzteren zählte der Minister die nach wie vor hohe Zahl von Krankenhäusern im Land. „Wir müssen einen Konzentrationsprozess führen“, forderte Lucha. Ihm ging es dabei um das Zusammenführen medizinischer Fähigkeiten. Die früher noch weit mehr als heutzutage verbreiteten kleinen Kliniken würden nur zum Verzetteln der Kräfte führen. Der Minister ergänzte jedoch energisch, dass dort, wo eventuell ein Krankenhaus geschlossen wird, etwas anderes nachkommen soll: „Einrichtungen für die Nachsorge des bereits behandelten Patienten.“

Ein Einreißen von „Sektorengrenzen zwischen der Gesundheitsfürsorge und der Pflege“ gehörte indes zu jenen Punkten, die Berthold Broll umgetrieben haben. Er ist einer von drei Vorständen der Stiftung Liebenau, eines unter anderem im Gesundheits- und Pflegebereich tätigen Unternehmens aus dem Bodenseekreis, das über 7000 Menschen beschäftigt und in sechs Ländern arbeitet. Broll hätte gerne übergreifende Strukturen – im Weiteren auch für die stationäre und ambulante Versorgung. Er ging davon aus, dass dies für Patienten und Pflegebedürftige sinnvoller sei als ein Weiterschieben der Menschen von einem in den anderen abgeschotteten Bereich.

Der Fachkräftemangel war ebenso sein Thema. Die Stiftung Liebenau hat hierzu schon reagiert. Eine eigene Abteilung versucht inzwischen Leute aus dem Ausland zu rekrutieren. Woher künftige Mitarbeiter kommen könnten, sei „eine zentrale Fragestellung in einer Region, in der praktisch Vollbeschäftigung herrscht“, sagte Broll mit Blick auf den Bodenseeraum. Er sah es zwar als wichtig an, in der Pflege die „Attraktivität der Arbeitsplätze“ zu steigern – durch bessere Gehälter oder auch mehr Freiräume im täglichen Arbeitsablauf. Wie Broll meinte, helfe dies letztendlich im Rekrutierungswettlauf mit der Industrie aber wenig. Diese könne am Schluss meist mehr bieten – finanziell ebenso wie bei der Ausgestaltung möglicher Posten. Mit anderen Worten: Der Blick über die Grenzen sei unabdingbar.

Noch etwas beschäftigte Broll. Laut seiner Meinung leidet der Gesundheitssektor unter einem „hohen Regulierungsgrad“. Es werde ein großer Aufwand für Regularien betrieben. Broll nannte das gegenwärtig bestehende Dokumentationsverfahren bei einer Patientenbehandlung. Dies würde Ärzte wie Pflegekräfte an den Schreibtisch binden. Sinnvoller wäre mehr Zeit für den Patienten. Der Liebenau-Vorstand wünschte sich mehr Bewegungsspielraum für das medizinische oder das pflegende Personal. „Das Leben ist bunt“, argumentierte Broll. Er meinte damit, es könne nicht einfach in Beton gegossen werden.

Der dritte Diskutant war Andreas Beivers, Professor am Institut für Gesundheitsökonomik an der Fresenius-Hochschule in München. Er sprach sich vehement für das zahlenmäßige Verringern von Klinikstandorten aus. Ähnlich wie bei Minister Lucha ging es in seiner Stellungnahme nicht um Finanzen. Beivers sagte beispielsweise: „Wir schaffen es nicht mehr, alle Standorte mit Leuten zu versehen.“ Ihm ging somit auch der Fachkräftemangel nahe. Mit Blick aufs Geld argumentierte er, letztlich seien höhere Summen für weniger, aber wesentlich besser ausgestattete Kliniken nötig. Wegen des Rückzugs aus der Fläche käme es zudem darauf an, dass „die Erreichbarkeit der übrigbleibenden Krankenhäuser“ gesichert werde. Diesen Punkt hielt Beivers für unkompliziert. Da heutzutage viel mehr Menschen durch den Individualverkehr mobiler seien als früher, gebe es üblicherweise Fahrmöglichkeiten.

Beivers sah übrigens ebenso ein Problem bei der Dokumentation des Patentiendaseins. Liebenau-Vorstand Broll erhielt ein Stück weit Unterstützung. Wobei Beivers bei solchen Tätigkeiten auf eine weitergehende Digitalisierung im Gesundheitsbereich setzte: „Dann hat der Mediziner wieder mehr Zeit für den Patienten.“

Susanne Johna gehört zum Vorstand der Bundesärztekammer. Die Medizinerin schloß sich den Forderungen nach einer Konzentration im Krankenhauswesen an. „Aber mit Maß“, fügte sie an. Das Kind solle in ihrer Intention nicht mit dem Bade ausgegossen werden. Generell forderte sie „mehr Medizin-Studienplätze und mehr Ausbildung für die Pflege“. Wodurch sich einmal mehr der Kreis zu ihren Mitdiskutanten schloß. Hierzu gehörte zudem ihre Haltung zur Patienten-Dokumentation. „Braucht es immer mehr Instrumente, um Daten zu erheben?“, fragte Johna. Nein, lautete ihre Antwort. Es würden Belege fehlen, dass dies den Patienten etwas bringe.

Der einzige, der beim Dokumentationsthema etwas bremste, war Minister Lucha. Er wollte wenigsten „Leitplanken“ haben. Eine gewisse Kontrolle über die Patienten-Behandlung solle vorhanden sein. Die anderen Beteiligten der Runde zweifelten dies nicht an. Offen blieb nur, wie viel Dokumentation nützlich sein könne. Lucha betonte, dies müsse vom Ergebnis her gedacht werden, also inwieweit es dem Wohlbefinden des Patienten helfe. Hierzu gibt es aber offenbar noch Forschungsbedarf.

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