Patienten wollen Ärzte statt Apparate

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Deutsche Presse-Agentur

Patienten fühlen sich oft verloren im Medizinbetrieb mit viel Technik, komplizierten Fachwörtern und Kurzkontakten zum Arzt. Zwar ist das Ansehen des deutschen Gesundheitswesens bei den Bundesbürgern hoch. Doch 41 Prozent beklagen sinkende Qualität.

Technisch immer stärker aufgerüstete Hochleistungsmedizin erfüllt viele Menschen mit Unbehagen. Experten fordern dringend Verbesserungen des vielfach gestörten Vertrauensverhältnisses zwischen Patient und Arzt.

Nur 70 Prozent der Menschen vertrauen den Ärzten in den großen Universitätskliniken - Hausärzte genießen dagegen bei 93 Prozent Vertrauen. „Krankenhäuser müssen den Patienten das Gefühl geben, dass sie nicht alleingelassen werden in der Apparatemedizin“, sagte der Gesundheitsexperte der Wirtschaftsberatung Ernst & Young, Stefan Viering, bei der Vorstellung der neuen Umfrage in Berlin. Ein Ergebnis: Mehr Betreuung liegt auch im Interesse der immer stärker im Wettbewerb stehenden Kliniken. Zehn Prozent droht laut Wirtschaftsforschern binnen zehn Jahren das Aus. Zu geplanten Eingriffen gehen Patienten aber eher dorthin, wo sie von festen Ansprechpartnern an die Hand genommen werden.

In der Realität prägen oft Hektik, Stress und Therapien im Minutentakt das Bild in Kliniken und Arztpraxen. In vielen Kliniken bekommen Patienten immer noch erst in letzter Minute mit, was wann mit ihnen passiert. Niedergelassenen Ärzten bleiben je nach Wochentag im Schnitt sechs bis maximal zwölf Minuten Minuten für den einzelnen Hilfesuchenden. Überall in Europa haben Ärzte laut Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen mehr Zeit für die Patienten als in Deutschland.

Zwar finden laut der neuen Umfrage 86 Prozent im Westen und 82 Prozent in den neuen Ländern die Gesundheitsversorgung gut oder eher gut. Im Bundesgesundheitsministerium fühlt man sich bestätigt: „Die Bürgerinnen und Bürger wissen offenkundig den Wert ihrer Versorgung zu schätzen.“

Doch es gibt Ausreißer nach unten: Kassenpatienten ärgern sich über zu lange Wartezeiten, vor allem bei Fachärzten. Bei der Qualität sehen Privatpatienten nur zu 31 Prozent Einbußen - Kassenpatienten aber zu 43 Prozent. Qualitätseinbußen beklagen sogar 58 Prozent aller Befragten in Brandenburg, 51 Prozent in Bremen, 50 Prozent in Hessen, über 40 Prozent aber auch in Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg und Niedersachsen.

Hauptgrund dafür ist es laut Viering, dass Ärzte „immer weniger Zeit für eine individuelle Betreuung und Pflege“ haben. Bereits seit Längerem sorgen sich Experten über ein zunehmendes Fremdeln zwischen Medizinern und Patienten. So macht Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe vor allem Spardruck und Regulierung dafür verantwortlich. „Ärzte können ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich Heiler, Helfer, Tröster und Berater zu sein statt nur Schadensbeseitiger, kaum noch nachkommen“, sagt er.

Doch nicht nur Politik und Ärzte sind gefordert. Hoppe beobachtet, dass auch viele jüngere Patienten in erster Linie Dienstleistungen vom Arzt verlangen - als sei eine Krankheit ein Schaden, den man nur reparieren muss. „Verführt von den ungeahnten Möglichkeiten expandierender Apparatemedizin, sind wir der Illusion erlegen, dass sich alles schon irgendwie technisch beheben ließe“, mahnt der prominente Arzt und Publizist Dietrich Grönemeyer. Er ruft neben den Ärzten auch Patienten zu einer intensiveren gemeinsamen Arbeit jenseits schnellen Abfragens und Diagnostizierens auf.

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