Mehr Hitze und mehr Ozon: Wie gefährlich ist das für uns im Alltag?

Professor Peter Braesicke vom Karlsruher Institut für Technologie forscht seit 20 Jahren zum Thema Ozon. (Foto: pixabay/privat)
Digital-Redakteurin

Ein Hochdruckgebiet nach dem anderen bringt die Deutschen derzeit ins Schwitzen. Während die einen sich über das hohe Maß an Sonnenstunden in Baden-Württemberg freuen, fürchten andere um ihre Gesundheit. Neben Hitze und UV-Strahlung macht sich die Bevölkerung auch Sorgen um die Ozonkonzentration in der Luft. 

Wie in diesem Bereich der Stand der Dinge ist und warum wir in gewisser Weise zuversichtlich sein können, erklärt Professor Dr. Peter Braesicke vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie. 

Professor Braesicke, in den 90er-Jahren war Ozon ein ganz großes Thema in den Medien. Zum einen wurde von schädlichem Ozon gesprochen, zum anderen wurde mit Sorge auf eine geschwächte Ozonschicht verwiesen. Wie unterscheidet sich „gutes“ Ozon von „schlechtem“ Ozon?

Zunächst einmal ist Ozon ein Reizgas. Wenn ich also in Bodennähe viel Luftverschmutzung und deshalb auch eine hohe Ozon-Konzentration habe, dann ist das nicht gut für das menschliche Atemwegssystem. In der Stratosphäre sieht das Ganze anders aus. In dieser Höhe bewegen sich Menschen allenfalls mit dem Flugzeug und da ist Ozon ganz wichtig, um uns vor der UV-Strahlung zu schützen.

Von den drei Arten der UV-Strahlung filtert es das UVC vollständig heraus. UVA-Strahlung geht immer durch, aber vom UVB wollen wir nicht so viel, denn diese Strahlung hat einen Wellenlängenbereich, der eher Hautkrebs auslöst. Eine intakte Ozonschicht ist also sehr wichtig für uns.

Als Reaktion auf die Entdeckung des antarktischen Ozonlochs und dessen Auswirkungen wurde FCKW (Flurkohlenwasserstoffe) weltweit verboten. Ziel war es, dass sich die Ozonschicht erholen kann. Hat dieser Prozess begonnen?

Geschlossen ist das Ozonloch noch nicht. Es ist in den letzten Jahren kleiner geworden – etwas kleiner als in den 80er-Jahren. Eine Stabilisierung ist eingetreten und wir befinden uns langsam auf dem Weg nach oben. Das antarktische Ozonloch gibt es allerdings noch und das wird uns auch so bald nicht verlassen.

Deswegen schauen wir Forscher noch genau hin, überwachen das Ganze und bringen auch alle vier Jahre einen mandatierten Sachstandsbericht heraus. Insgesamt gehen die Gase, die für die Auflösung der Ozonschicht verantwortlich waren, aber durch das Montrealer Protokoll und die Nachbeschlüsse immer weiter zurück.

Also gute Nachrichten. Und wie sieht es mit der Konzentration von Ozon in Bodennähe aus?

Das ist tatsächlich hochvariabel und hängt sehr stark davon ab, wie es um die lokale Luftverschmutzung bestellt ist. Es ist direkt davon abhängig, was an „Chemie“  durch Fabriken und Verbrennungsmotoren in die Luft gelassen wird. Wir in Deutschland beispielsweise haben diese Emissionen sehr stark reguliert und gute Verordnungen getroffen. Es hatte einen großen Einfluss, dass Autos und Industrie nicht mehr alles in die Luft pusten dürfen.

Betrachtet man das Thema weltweit, dann stellt man allerdings fest, dass das Ozon in der Troposphäre zunimmt. Hierbei sind vor allem China und Indien zu nennen. Und im Globalen Süden, wo man sich sehr schnell weiterentwickeln möchte, müssen wir damit rechnen, dass die Ozon-Konzentration in Bodennähe weiter zunimmt, weil sich aller Voraussicht nach noch mehr urbane Ballungszentren bilden werden.

Ihre Aussage deckt sich damit, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland kaum mehr offizielle Warnungen vor zu hoher Ozon-Konzentration in der Luft ausgesprochen wurden. Trotzdem wird an heißen Tagen regelmäßig darauf verwiesen, sich wegen des Ozons nicht zu sehr anzustrengen. Jörg Kachelmann ging zuletzt sogar so weit und verglich wegen hoher Ozon-Konzentration Joggen mit dem Rauchen einer Stange Zigaretten am Tag. Was halten Sie von solchen Äußerungen?

Ich halte nicht viel von seinen markigen Sprüchen. Sagen wir so: Wenn man eine generelle Luftverschmutzungsepisode irgendwo hat, dann ist es sicherlich keine gute Idee, einen anstrengenden Sport zu machen. Aber in dem Maße, wie die Werte normalerweise in Deutschland sind, ist das nicht der Fall.

Ein Asthmatiker sollte natürlich nicht erst auf die 180 Mikrogramm pro Kubikmeter (Anm. d. Redaktion: Ab diesem Stundenmesswert wird eine offizielle Warnung an die Bevölkerung herausgegeben) warten. Aber ein gesunder Mensch kommt auch damit noch zurecht.

Im Übrigen ist das Ozon vorrangig für die Atembeschwerden verantwortlich. Viele andere Symptome, die einer hohen Ozon-Konzentration zugeschrieben werden, können aber auch daher kommen, dass bei hohen Ozonwerten generell viele Schadstoffe in der Luft sind. 

Halten wir fest: Wenn an heißen Tagen keine offizielle Warnung an die Bevölkerung erfolgt, ist Ozon eigentlich kein großes Thema und ich kann mich draußen bewegen?

Das sehe ich so, ja. Ungeachtet dessen, dass an heißen Tagen dann auch andere Aspekte ins Spiel kommen, wie zum Beispiel, dass ich mich mit Sonnenmilch vor UV-Strahlung schützen muss und ausreichend trinken sollte.

Es herrscht die Sorge vor, dass der Klimawandel das Ozon in Bodennähe, aber auch die Ozonschicht beeinflussen könnte. Wie hängen Ozon und Klimawandel miteinander zusammen?

Man muss hier wieder zwischen den beiden „Ozonsorten“ differenzieren. Der Klimawandel wirkt sich sehr stark auf die Luftqualität aus. Sie könnte durch zahlreichere stabile Hochdruckgebiete schlechter werden, da diese die Ozonbildung in Bodennähe begünstigen.

Während es unten heißer wird, tritt oben genau das Gegenteil ein. In der Stratosphäre nimmt die Temperatur ab, die chemischen Stoffe, die für die Entstehung und Zersetzung der Ozonschicht verantwortlich sind, reagieren dann anders und unterschiedlich schnell. Die Erholung der Ozonschicht hängt also maßgeblich davon ab, wie sich der Klimawandel entwickelt.

Zwischenzeitlich ging man davon aus, das Ozonloch bis 2050 oder 2060 schließen zu können. Ist dieses Ziel wegen des Klimawandels in weite Ferne gerückt?

Der Stand der Wissenschaft ist derzeit, dass es nach der Mitte des Jahrhunderts wahrscheinlich weniger „Ozonloch-Tiefs“ über der Antarktis geben wird. Dann gehen auch die abbauenden Substanzen und Prozesse in der Stratosphäre zurück. Wodurch sich die Ozonschicht langsam wieder erholt. Wir sind also auf einem guten Weg.

Global betrachtet wird Ozon vor allem in Bodennähe zunehmen, wo wir viel unregulierte Luftverschmutzung haben. Ich hatte den asiatischen Kontinent bereits erwähnt, aber in den nächsten Jahren wird uns wohl auch die Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent beschäftigten. Dort wird sich voraussichtlich mehr an den Küsten zusammenballen und große urbane Bereiche entwickeln. Es ist anzunehmen, dass dadurch auch die Luftverschmutzung zunehmen wird. 

Was kann die Menschheit tun, um die ozonbedingten Probleme besser in den Griff zu bekommen?

Stratosphärisch müssen wir einfach nur mit dem Plan weitermachen, den wir bereits verfolgen. Das haben die Politiker weltweit auch auf dem Schirm. Allerdings müssen wir ein Auge auf die Ersatzstoffe für die FCKW haben, die jetzt als Kühlmittel, Treibmittel und Lösungsmittel eingesetzt werden.

Diese sind starke Treibhausgase, die somit äußerst klimaaktiv sind und wir müssen darauf achten, den Teufel nicht mit dem Beelzebub auszutreiben. Die Luftverschmutzung haben wir in Deutschland auch gut im Griff – auch wenn man immer die Frage stellen kann, ob man die Grenzwerte vielleicht doch noch weiter hinuntersetzen sollte.

Wichtig wird vor allem sein, dass wir im internationalen Kontext mit gutem Beispiel vorangehen und sich entwickelnden Ländern deutlich machen, wie wichtig gewisse Standards sind. Auch diese Länder wollen schließlich, dass ihre Bürger gesund sind. 

Zur Person: Professor Dr. Peter Braesicke leitet am Karlsruher Institut für Technologie zusammen mit Professor Dr. Jan Cermak das Institut für Meteorologie und Klimaforschung. Braesicke forscht seit mehr als 20 Jahren zum Thema Ozon. Bevor er im Jahr 2013 an das KIT berufen wurde, arbeitete er an der Universität Cambridge an einer Chemie-Modellierung zur Klimaprojektion. Sein Hauptinteresse liegt auf dem Gebiet der Wechselwirkungen zwischen Luftzusammensetzung und Klima. Zur Zeit des Interviews hielt sich Braesicke in Genf auf, wo er im Rahmen des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ als Reviewer bei der internationalen Einschätzung zum Ozonschwund tätig war.

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