Oliver Stones „W“

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Deutsche Presse-Agentur

Der amerikanische Star-Regisseur Oliver Stone (62) widmet sich mit Vorliebe zeitgeschichtlichen Stoffen. Im vergangenen Jahr brachte er mit „W“ zum ersten Mal einen Film über einen noch amtierenden US-Präsidenten in die Kinos - mitten im Wahlkampf um dessen Nachfolge.

In Deutschland war das Filmporträt von George W. Bush bisher nicht im Kino zu sehen, dafür wird es bereits an diesem Freitag (22.25 Uhr), nur drei Monate nach der US-Premiere und drei Tage nach der Amtseinführung des Bush-Nachfolgers Barack Obama, bei ProSieben ausgestrahlt. Außerdem ist der Film am Dienstag in Deutschland auf DVD erschienen.

Stone hatte bereits Filme über die Ermordung von Präsident John F. Kennedy („JFK“, 1991) und den bisher einzigen zurückgetretenen Präsidenten, Richard Nixon, („Nixon“, 1995) gedreht. Mit „W“ nahm er sich des unpopulärsten Präsidenten der US-Geschichte an, der den höchst umstrittenen Irak-Krieg begann und dessen Image in weiten Teilen der Welt schlechter nicht sein könnte. Doch anders als von vielen Kritikern erwartet, lieferte der bekennende Bush-Gegner Stone kein hasserfülltes Propagandawerk, sondern eine Satire, eher komisch als tragisch, voller Ironie und Spitzen. Der Präsident, den das Amt überfordert, erscheint nicht zuletzt als Getriebener, beinahe als Opfer der Strippenzieher.

Zwischen zwei Erzählebenen pendelt der Film: Die Vorbereitung zum Irak-Krieg im Frühjahr 2003 und der Weg des jungen Trunkenboldes aus Texas, der von seinem Präsidenten-Vater nicht ernst genommen wird. „Das ist mein Krieg, nicht seiner“, schreit der wutentbrannte Bush Junior, der atemberaubend von Josh Brolin gespielt wird, über den Senior (James Cromwell), der 1991 - mit Unterstützung der UN und der Weltmeinung - selbst gegen den Irak Krieg führte, doch über das Irak- Abenteuer seines Sohnes nur den Kopf schüttelt.

Am Ende des Films, als das Fiasko nicht mehr zu leugnen ist, gibt es eine Szene, in der Bush Junior das Oval Office betritt und sein Vater wie ein einziger Vorwurf am Schreibtisch sitzt („Hier habe ich gesessen“). Am Ende umtänzeln sich Vater und Sohn mit erhobenen Fäusten wie zwei Boxer. Ausführlich rekonstruieren andere Szenen die Sitzungen im Weißen Haus mit dem Ober-Strippenzieher und Vizepräsidenten Dick Cheney (Richard Dreyfuss), Ex-Außenminister Colin Powell (Jeffrey Wright) und Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Scott Glenn).

Fast das ganze Dilemma des Irak-Krieges und des „getriebenen“ Präsidenten wird deutlich, wenn Bush sich wütend und aufbrausend im düsteren, abhörsicheren „Situation Room“ darüber beschwert, dass noch immer keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden. „In wessen Verantwortungsbereich fällt die Aufgabe, diese Waffen zu finden, verdammt noch mal?“, wettert Bush und schaut in die Runde. Keiner der versammelten Herren meldet sich - irgendwie scheint sich in der Runde niemand verantwortlich zu fühlen.

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