„Nur wer seine eigene Durchschnittlichkeit aushält, wird sich wohl fühlen“

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Dr. Rainer Gross. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Durchtrainiert, fit und für immer jung: Um schön zu sein, treiben Männer und Frauen exzessiv Sport, hungern sich auf Idealmaße und schrecken sogar vor dem Skalpell nicht zurück. Dr. Rainer Gross, Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung am Landesklinikum Hollabrunn und Referent bei den Lindauer Psychotherapiewochen, hat sich mit LZ-Redakteurin Yvonne Roither über die neuen Körperkulturen und den damit verbundenen Leistungsdruck unterhalten.

LZ: Dr. Gross, hat sich der Umgang mit unserem Körper und dessen Darstellung in den Medien verändert?

Gross: Ja, ganz eindeutig. Vor hundert Jahren hat der Mensch in seinem ganzen Leben nur selten schöne, perfekte Körper gesehen. Heute sehen wir jeden Tag im Fernsehen und in der Werbung wunderschöne Körper. Wir wissen zwar, dass da vieles gefälscht ist - trotzdem hat es die Messlatte eindeutig verschoben. Nun fühlt sich fast jeder etwas benachteiligt. Die Motivation ist viel größer, etwas zu tun.

LZ: Es ist doch gut, wenn Menschen etwas für Ihren Körper tun.

Gross: Ja, natürlich. Ich habe großes Verständnis dafür, wenn jemand Sport treibt. Ich selbst laufe – und will nicht zunehmen, obwohl ich dünn bin. Fit sein heißt aber nichts anderes, als sich anpassen. Heute sollen alle möglichst jung aussehen. Die Männer müssen muskulös sein, das Idealmaß der Frauen ist 90, 60, 90. Da ist kaum jemand so souverän zu sagen, das ist mir egal.

LZ: War das ein abrupter oder eher ein schleichender Prozess?

Gross: Das ging schon eher schleichend. Wenn sogar Biene Maya in der neuen Version abgespeckt erscheint und Barbie immer dünner wird, zeigt sich das neue Körperbild deutlich. Interessant ist, dass es sogar kulturelle Unterschiede einebnet (Asiatinnen lassen sich die Augenlider operieren) und klassenübergreifend wirkt. Heute muss auch der Bildungsbürger wenigstens ein bisschen Muskeln haben.

LZ: Was hat das für Folgen?

Gross: Es geht darum, ziemlich hohe Ansprüche zu erfüllen. Heute sind fast alle Menschen davon überzeugt, dass der Körper ein dauerhaftes Projekt ist. Er verpflichtet uns, ständig daran zu arbeiten. Das war vor Jahrzehnten ein Minderheitenprogramm. Heute entkommt dem kaum jemand.

LZ: Sie sprechen immer wieder von neuen Körperkulturen. Was verstehen Sie darunter?

Gross: Der Kulturbegriff ist heute viel breiter geworden. So ist beispielsweise auch von der Esskultur die Rede. Was die Körperkulturen angeht, so haben wir gelernt, dass der Körper ein ganz wichtiges Medium der Selbstdarstellung ist. Dicksein geht heute gar nicht. Waren die Chefeliten früher dick, so sind sie jetzt dünn. Die Botschaft: Wer sich selbst kontrollieren kann, kann auch andere kontrollieren. Die Außendarstellung wird nicht nur immer wichtiger, sie ist überall. Während früher kein Mensch einen Gedanken darüber verschwendet hätte, wie Fußball-Bundestrainer Helmut Schön aussieht, wird heute öffentlich in den Medien die Eigenhaartransplantation von Jürgen Klopp diskutiert. Wen hätte das vor 30 Jahren interessiert?

LZ: Nun sind aber nicht alle Menschen so schön wie Claudia Schiffer. Wie kommt der Durchschnittsbürger damit zurecht?

Gross: Die Körperideale setzen die Menschen unter Druck. Die wenigsten sind mit so einem stabilen Selbstwertgefühl ausgestattet, dass sie mit sich im reinen sind, auch wenn sie ein paar Kilos zu viel haben. Ich kenne bildschöne Frauen, die davon überzeugt sind, dass sie hässlich sind. In einer Kultur des ständigen Vergleichs mit tausenden Bildern von Idealkörpern ist es fast unmöglich geworden, mit einem Durchschnittskörper zufrieden zu sein.

LZ: Sind Frauen hier besonders anfällig? Oder gilt das neue Körperbild auch für Männer?

Gross: Prinzipiell gilt: Je unsicherer ich mich generell fühle, umso anfänglicher bin ich dafür. Da spielen Erfahrungen der frühen Kindheit eine wichtige Rolle. Kein Mädchen wird vergessen, wenn Papa gesagt hat, dass es zu dick ist. Kein Mann wird vergessen, wenn Frauen ihn verspotteten, dass er es nicht bringt. Körperbeschämungsgeschichten merkt man sich extrem lang. Der Körperkult macht auch vor Männern nicht halt. In dem Buch „Die Tante Jollesch“ heißt es noch, es sei ein Luxus, wenn ein Mann schöner ist als ein Affe. Das war für uns Männer sehr beruhigend. Aber diese Zeiten sind vorbei.

LZ: Welche Auswirkungen hat der Körperkult? Wann wird es gefährlich?

Gross: Das ist verschieden, die Grenzen zwischen bewusstem und krankhaftem Umgang mit dem eigenen Körper sind fließend. Manche machen einfach nur exzessiv Sport, andere legen sich beim Schönheitschirurgen unters Messer. Es entstehen aber auch neue Krankheiten wie zum Beispiel die Orthorexie. Sie beschreibt Menschen, die in krankhafter Weise davon besessen sind, sich gesund zu ernähren.

LZ: Wie können Sie als Therapeuten Opfern des Körperkults helfen?

Gross: Ich versuche, mit ihnen einen nicht-kritischen Blick einzuüben und zu sortieren, welche Ansprüche sie zu erfüllen versuchen. Dazu gehört auch zu hinterfragen, ob es in frühen Kindheitsjahren einen kritischen Blick gab, der ihr Körperbild bis heute belastet.

LZ: Wann war Ihre Arbeit erfolgreich?

Gross: Wenn es meinem Patienten gelingt, seine Durchschnittlichkeit auszuhalten. Denn dann wird er sich wohl fühlen.

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