Noch ein umfangreiches Buch über Kaiser Wilhelm II.

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Deutsche Presse-Agentur

Das Thema Kaiser Wilhelm II. hat Konjunktur. Unter den Buchneuerscheinungen im vergangenen Herbst mit seinem 90. Jahrestag der Abdankung des Monarchen waren gleich drei sehr beachtete Werke über ihn erschienen.

Ein weiterer Anlass für die Erinnerung an Wilhelm II. war dann sein 150. Geburtstag am 27. Januar. Nun ist noch ein weiteres, mehr als 500 Seiten umfassendes Buch über den Monarchen erschienen: „Der Bürger-Kaiser“. Der Sachbuchautor Joska Pintschovius, Volkskundler und Sozialhistoriker, vermittelt darin ein mannigfaltiges, überwiegend positives Bild von dem Hohenzollern.

„Das Fabeltier“ ist die Überschrift des ersten Kapitels. Sie ist dem Titel der 1937 erschienenen deutschen Übersetzung des Buchs einer Engländerin entliehen, die sich als Autorin Jacques Daniel Chamier nannte: „Ein Fabeltier unserer Zeit“. Pintschovius gibt hier zu Beginn seines Werks, ausgehend von den Nationalsozialisten, unter anderem einen Überblick über die Beurteilungen Wilhelms nach dem Ende seiner Herrschaft 1918. Seiner Ansicht nach müssten diese kritisch geprüft werden: „Dem Historiker ist der Auftrag erteilt, die historischen Personen im Kontext der Epoche zu beurteilen, denn schließlich geht es auch um Gerechtigkeit, um das Recht der Protagonisten, nach den Moralvorstellungen und dem Rechtsempfinden ihrer Zeit beurteilt zu werden.“

Nach zehn Kapiteln über die Zeit vor der Thronbesteigung 1888 schildert Pintschovius in weiteren fünfzehn Kapiteln Situation und Entwicklung des Deutschen Reichs unter dem neuen Kaiser. Zu den Einzelthemen gehören dessen Verhältnis zu Reichskanzler Otto von Bismarck, die internationalen Beziehungen, der Sozialstaat, Reformen, Parteien, Verbände, außenpolitische Krisen. Ein Kapitel, „Glaubenshüter“, beschreibt die religiöse Einstellung des Monarchen und auch dessen Verhältnis zu den Juden und deren Situation im damaligen Deutschland.

Themen sind auch das Ansehen des Kaisers und seine Beurteilung in der großen Öffentlichkeit sowie seine persönlichen Interessen und seine Wesenseigenheiten. Das Buch endet mit dem Weltkrieg 1914-1918. Seine Darstellungen sind detailliert und anschaulich. Situationen und Probleme werden anhand konkreter Zustände und Beispiele geschildert. Gelegentlich beleben kurios-amüsante Einzelheiten die Darstellung.

Der Verlag nennt das Buch eine historische Streitschrift und verweist in diesem Zusammenhang auch auf das „mittlerweile als Standardbiografie“ geltende Werk von John C.G. Röhl. Pintschovius' große Detailkenntnis und neuer Blickwinkel ermögliche eine Sichtweise, die den Hauptlinien von dessen Argumentation entgegensteht, heißt es dazu. Der Autor zitiert Röhl, von dem er Band I und II kennt (der dritte erschien im vergangenen Herbst), jedoch nur an einer, wenig relevanten Stelle. Eine Auseinandersetzung mit einigen Auffassungen Röhls und irgend eines anderen prominenten Historikers unserer Zeit, die den von Pintschovius präsentierten entgegenstehen, hätte die Aussagekraft des Buchs verstärkt. Auch wären durch sie die in ihm vertretenen Positionen überprüfbarer geworden.

Joska Pintschovius

Der Bürger-Kaiser. Wilhelm II.

Osburg Verlag, Berlin

534 S., 19,95 Euro

ISBN 978-3-940731-16-6

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