„Nicht der einzige Dumme“ - Lehman-Opfer wehren sich

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Schwäbische Zeitung

Bremen/Hannover (dpa) - Für das Ehepaar aus Bremen war es ein Schock. „Wir haben es aus der Zeitung erfahren“, erzählt die Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen möchte - aus Scham.

10 000 Euro hatten sie und ihr Mann in Zertifikaten der pleitegegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers angelegt. Nun ist alles weg. „Unser Berater bei der Postbank versprach mir damals hohe Rendite mit der Sicherheit eines Sparbuchs“, erklärt sie. Ihr Mann nickt zustimmend: „Wenn man auf die 60 zugeht, will man nicht spekulieren. Das hatten wir in dem Gespräch auch ausdrücklich gesagt.“

Heute ist es den beiden peinlich, dass sie ihrem Bankberater blind vertrauten. Sie seien aber auch wütend und verunsichert, betont die Frau: „Was passiert jetzt?“. So wie dem Paar geht es vielen der rund 50 Kleinanleger, die am 15. Februar zu einem ersten Treffen von Lehman-Geschädigten in der Hansestadt kamen. Fast alle von ihnen sind über 50 Jahre alt und hatten vorher noch nie etwas mit Zertifikaten zu tun. „Man sagte mir, dass ich zumindest die Einlage wieder bekomme“, sagt eine Frau. „Jetzt sind alle meine Ersparnisse futsch.“

Einige der Anwesenden haben sich einen Anwalt genommen, um gegen die falsche Beratung der Bank vorzugehen. Bei den meisten dominiert jedoch das Gefühl der Hilflosigkeit: „Die Frage ist, ob man beweisen kann, wie das Gespräch abgelaufen ist - natürlich hatte ich kein Band mitlaufen“, erläutert die Postbank-Kundin.

Nach Schätzungen der Hamburger Verbraucherzentrale gibt es bundesweit rund 40 000 Anleger, die Lehman-Zertifikate gekauft haben. Mehrere Hundert Geschädigte suchten bereits die Rechtsberatung der Verbraucherzentralen in Hannover und Bremen auf. „Wir gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer um ein Zehnfaches höher ist“, sagt der Anlegerschutzexperte der Bremer Verbraucherzentrale, Eberhard Ahr. „Die meisten wehren sich nur nicht.“

Beim Landgericht Hannover sind bisher fünf Klagen von Lehman-Opfern eingegangen. Bis zur Eröffnung der Verfahren werde es aber noch dauern, sagte ein Sprecher. Erst bei zwei Klagen gegen die Sparkasse stehen die Termine für die mündlichen Verhandlungen fest: am 13. Mai und 6. Oktober.

Nach Ansicht der Verbraucherzentrale Niedersachsen müssen die Banken in nächster Zeit jedoch mit mehreren Wellen von Klagen rechnen. „Ohne wird es nicht gehen“, betont der Finanzexperte Andreas Gernt. „Eine außergerichtliche Einigung wäre ein Eingeständnis der Bank, dass sie falsch beraten hat.“ So wollte die Hannoveraner Kanzlei Lippmann, Ritter und Kollegen, die rund 100 Kunden der Sparkasse, Dresdner Bank, Commerzbank und Citibank vertritt, noch am Montag mehrere Klagen einreichen.

Dass Ende November die Klage eines Lehman-Anlegers in Frankfurt scheiterte, ist nach Ansicht der Anwälte kein Grund aufzugeben. „Jeder Fall ist individuell und lässt sich mit anderen nicht vergleichen“, erklärt der Bremer Anwalt André Ehlers, der auch der Gründer des Anleger-Treffens im kleinsten Bundesland ist. Nicht ganz selbstlos, wie er eingesteht: „Natürlich bin ich Anwalt und habe Interesse daran, Geld zu verdienen.“

Um nicht Gefahr zu laufen, dass nur der Anwalt von einem Verfahren gegen die Bank profitiert, sollten sich Geschädigte nach Empfehlung der Verbraucherzentralen sorgfältig beraten lassen. „Das Risiko auf den Anwalts- und Gerichtskosten sitzen zu bleiben, ist nicht unerheblich“, warnt Gernt. Nur wer eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen habe, sollte es auf eine juristische Auseinandersetzung ankommen lassen.

Aus diesem Grund will das Ehepaar aus Bremen erstmal weitere Informationen sammeln, bevor es gegen die Postbank vorgeht. „Wir überlegen noch, ob wir den Verlust hinnehmen oder ob wir klagen“, sagt die Frau am Ende des Treffens. Wiederkommen will sie auf jeden Fall: „Es ist hilfreich zu wissen, dass man nicht der einzige Dumme ist.“

Verbraucherzentrale Bremen: www.verbraucherzentrale-bremen.de

Verbraucherzentrale Niedersachsen: www.verbraucherzentrale-niedersachsen.de

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