New Orleans wird erneut zur Geisterstadt

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Deutsche Presse-Agentur

Für Joseph Jones ist es, als kehre ein Alptraum zurück. Der 61-Jährige steht seit Stunden in einer langen Schlange und wartet darauf, mit einem Bus vor dem herannahenden Hurrikan „Gustav“ in Sicherheit gebracht zu werden.

Um ihn herum Menschen mit ihren Habseligkeiten in Taschen, Tüten, Einkaufswagen. Autokolonnen wälzen sich an den wartenden Menschen vorbei. Es gibt nur eine Richtung: Norden. Raus aus New Orleans, heißt es offiziell am Sonntag seit acht Uhr morgens.

„Ich hasse es“, sagt Jones. „Ich weiß nicht, wohin ich gehe und ich weiß nicht, ob ich jemals zurückkomme, weil mein Haus vielleicht in ein paar Tagen nicht mehr steht.“ Wie die meisten der geduldig wartenden Menschen vor und hinter ihm hat Jones dieses Schreckensszenario schon einmal erlebt: Fast genau vor drei Jahren, als der Hurrikan „Katrina“ seine Stadt New Orleans verwüstet und insgesamt 1800 Menschen vor allem in den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi in den Tod gerissen hat. Und doch ist es diesmal anders.

Diesmal heißt die Bedrohung „Gustav“ und Politiker wie Behörden wollen sich nicht - wie nach dem Desaster von New Orleans 2005 - sagen lassen, sie hätten nicht angemessen reagiert. Sicherheitsmaßnahmen und Räumungen laufen seit Samstag auf Hochtouren - rechtzeitig und ohne Panik. Von „der Mutter aller Stürme“ spricht Ray Nagin, der Bürgermeister von New Orleans. Schlimmer als alles was bisher da war, könne er werden. Und der schwarze Bürgermeister warnt: „Das hier ist kein Test, das ist Wirklichkeit. Für jeden, der meint, diesen Sturm austricksen zu können, habe ich eine Botschaft: Das wäre der größte Fehler, den er im Leben machen könnte.“

Hunderttausende Küstenbewohner folgten Nagins Botschaft bereits am Samstag der für Sonntag angeordneten Evakuierung vorauseilend. Der größte Exodus setzte in New Orleans ein - der Stadt, die sich selbst noch nicht von der letzten Katastrophe berappelt hat, in der sie zu 80 Prozent verwüstet wurde. Genau einen Tag nach den Trauerfeiern zum dritten „Katrina“-Jahrestag blockierten schon am Samstag Blechlawinen die Ausfahrtsstraßen gen Norden. Tankstellen saßen nach wenigen Stunden auf dem Trockenen. Telefonnetze waren überlastet.

Menschen beladen ihre Autos mit Lebensmitteln und Wasser, sichern ihre Häuser mit Holzplatten und Sandsäcken und suchen dann das Weite. Wer kein Auto hat, lässt sich mit dem Bus zum zentralen Bahnhof der zusammengeflickten Stadt bringen. In der brütenden Hitze stehen Familien mit Kindern, Menschen mit Hunden oder Katzen oder Alte, denen die stechende Sonne sichtlich zu schaffen macht. Das Rote Kreuz versorgt sie mit Wasserflaschen. Die meisten wissen noch nicht, wohin die Reise geht. „Die Spannung ist diesmal größer als bei "Katrina", weil wir wissen, was auf uns zukommen kann“, sagt eine Frau, die ihre Habseligkeiten in einem Einkaufswagen vor sich her schiebt.

„Wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, sagt der Chef des nationalen Katastrophenschutz-Komitees, David Paulison. Diesmal werde darauf geachtet, dass keine Familien auseinandergerissen werden, so wie es bei „Katrina“ war. „Wir wissen: Die Deiche sind gefestigt, Hunderte Busse und Ambulanzwagen stehen bereit. Es gibt Notrouten sowie Züge und Flugzeuge, um Flüchtende zu transportieren.“ Sie bringen die Hurrikan-Flüchtlinge in Notunterkünfte in den Norden Louisianas oder Nachbarstaaten.

Katastrophenschutz-Chef Paulison sagt: „Es gibt keinen Grund für irgendjemanden, in New Orleans zu bleiben, wenn der Sturm kommt.“ Seit Sonntagmorgen um 4 Uhr Ortszeit gehen alle Straßen nur noch in Richtung Norden. Kein Weg führt mehr in die Stadt hinein. Hunderte Soldaten und Polizisten bewachen den Aderlass der Metropole in Louisiana. Sollte „Gustav“ am Montag dort eintreffen, soll er keiner Menschenseele begegnen - New Orleans soll dann eine Geisterstadt sein.

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