Neustart: „Vieles, fast alles, habe ich überdacht“

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Schwäbische Zeitung

Zwei „Seuchenjahre“ liegen hinter Daniel Unger (32), Triathlon-Weltmeister von 2007. Nach dem Gewinn des WM-Titels 2007 und dem sechsten Platz bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 folgten zwei Jahre voller Verletzungen, Pech und (Rad-)Pannen, zuletzt beim WM-Finale in Budapest, als wieder mal ein platter Reifen ein gutes Abschneiden verhinderte. Doch mit seiner Arithmetik strahlt Daniel Unger Optimismus aus. Zwei guten Jahren folgten zwei schlechte, also müssten nun wieder zwei gute Jahre folgen, so Unger jüngst beim Redaktionsbesuch. Über seine Ziele, Veränderungen im Trainingsalltag und andere sportliche Erlebnisse sprach Daniel Unger mit SZ-Regionalsportredakteur Marc Dittmann.

SZ: Rückblick: Die vergangenen beiden Jahre waren nicht gerade gut. Wie stecken Sie die beiden „Seuchenjahre“ weg?

Daniel Unger: Nach zwei super Jahren 2007 und 2008 kam nun eine Talsohle. Doch wenn der Rhythmus nicht unterbrochen wird, kommen mit 2011/2012 ja wieder zwei gute! Doch natürliche steht diese Theorie auf den Grundpfeiler für sportlichen Erfolg: Motivation, Gesundheit und eine kleine Portion Glück. Und davon hatte ich in den vergangenen beiden Jahren nur ganz selten die optimale Mischung.

SZ: Verletzungen, Materialfehler (bsp. Rad in Budapest), Krankheiten. Zweifelten Sie manchmal, ob Sie auf dem richtigen Weg sind oder erklärten Sie es sich nur mit Pech/Schicksal? Nach der ITU-Serie lief es zuletzt, bei den beiden Weltcuprennen in Mexiko und Südkorea, mit den Mittelfeldplätzen ja auch nicht nach Wunsch.

Unger: Der Hochleistungssport ist unheimlich komplex. Ich habe schon des Öfteren die Erfahrung gemacht, wenn es gut läuft, dann passieren viele Dinge wie durch Zauberhand von allein – und zwar in die richtige Richtung. Läuft es schlecht, so dreht sich die Spirale nach unten und man hat nicht nur kein Glück, sondern es kommt auch noch Pech dazu! Das Gute im Sport ist aber, dass sich Fleiß und Einsatz auszahlen – irgendwann ...

SZ: Welche Schlüsse haben Sie gezogen?

Unger: Vieles, fast alles, habe ich überdacht und meine Konsequenzen daraus gezogen. Als ich im Sommer in die Röhre zur Computertomographie geschoben wurde, war ich dem Aufhören näher als dem Weitermachen. Danach habe ich beschlossen, dass sich dieser ganze Aufwand, die Zeit ohne Familie und die vielen anderen Entbehrungen nur dann lohnen, wenn ich es noch einmal zu einhundert Prozent angehen kann. Für diesen Entschluss habe ich mir viel Zeit genommen, viele Gespräche geführt und Vieles abgewogen.

SZ: Sie wollen künftig Ihren Trainingsschwerpunkt mehr nach Freiburg verlegen? Warum?

Unger: Dies ist ein Teil meiner neuen Planung. Ich will ein neues Umfeld, neue Reize, andere Trainingspartner um mich herum haben. Ich war zwölf Jahre am Olympiastützpunkt Saarbrücken – dieser Stein hat sich abgewetzt. Außerdem sind es deutlich weniger Kilometer nach Hause. Bei gutem Wetter fahre ich die Strecke nach Freiburg in meine Unterkunft mit dem Rad.

SZ: Wann und wie haben Sie Pause gemacht und sich entspannt?

Unger: Meine Saisonpause war nur drei Wochen lang. Aber ich habe ja während des Sommers aufgrund der Verletzung fast elf Wochen nicht richtig trainiert. Richtig entspannt habe ich mich vor allem mit einer Woche Familienurlaub.

SZ: Seit wann sind Sie wieder im Training?

Unger: Der 31. Oktober war der Wendepunkt. Damit endete das Seuchenjahr 2010 für mich. Am 1. November begann die Vorbereitung auf die kommende Saison. Die ersten zwei Wochen habe ich nur sehr wenig trainiert, da ich auch noch eine Menge organisatorische Dinge zu erledigen hatte. Mittlerweile bin ich aber wieder regelmäßig bei 30 Stunden und mehr pro Woche. Damit bin ich für Dezember schon gut dabei.

SZ: Wo lagen die Schwerpunkte im Trainingslager in Südafrika?

Unger: Im Moment trainiere ich sehr ruhig und lege Wert auf Kraft und Athletik. Ich will vor allem die Belastungsverträglichkeit für die kommenden Monate herstellen.

SZ: Was ist nach Südafrika bis Wettkampfsaisonbeginn geplant? Wie sehen die weiteren Trainingslager aus? Worauf werden bei diesen die Schwerpunkte gelegt?

Unger: Es geht im neuen Jahr direkt auf die Kanaren, Ende Januar noch einmal für drei Wochen nach Südafrika und im März zwei Wochen nach Lanzarote. Ende März fliege ich wahrscheinlich nach Australien zu den ersten Vorbereitungsrennen. Am 10. April in Sydney beginnt dann die WM-Serie.

SZ: Welche Rennen werden Sie absolvieren? Steht der Wettkampfkalender schon?

Unger: Der Rennkalender ist ziemlich voll! Es ist schwierig, schon ein komplettes Programm zu fixieren. Es hängt ein Stück weit davon ab, wie man durch seine Vorbereitung kommt und wie die Punktetabelle im Blick auf London ausschaut. Der einzige Termin, der rot in meinem Kalender angestrichen wurde ist der 7. August – der Tag der Qualifikation.

SZ: Die DTU hat Sie in den B-Kader eingestuft. Was bedeutet das? Sportlich wie wirtschaftlich? Mit sechs anderen Kandidaten gehören Sie nun diesem B-Kader an. Da Jan Frodeno und Steffen Justus im A-Kader sind: Ist das schon eine kleine Vorentscheidung für Olympia? Und könnte es sein, dass es aus den sieben im B-Kader nur noch einer nach London schafft, weil die anderen beiden Tickets schon so gut wie weg sind?

Unger: Nein! A- oder B-Kader hat ausschließlich etwas mit der Leistung aus dem vorangegangenen Jahr zu tun. Eine Top-10-Platzierung bei der letzten WM und man ist A-Kader. Das habe ich leider nicht geschafft. Für die Olympia-Qualifikation hat dies aber keine Auswirkung. Alle haben die gleichen Voraussetzungen. Die Zeiger stehen für jeden bei null.

SZ: Sie waren vor kurzem beim Red-Bull-Empfang für Sebastian Vettel in Salzburg. Wie war's? Haben Sie den Formel-1-Weltmeister kennengelernt?

Unger: An diesem Abend selbst war solch ein Trubel um Sebastian Vettel, dass es unmöglich war, mit ihm zu sprechen. Aber die Red-Bull-Sportler untereinander kennen sich. In Deutschland gibt es momentan 20 Einzelsportler im Team von Red Bull. Es sind spannende Momente, wenn man sich mit Skateboardern, Surfern oder Downhill-Fahrern über ihren Sport unterhält. Daneben gibt es aber auch Superstars wie Mario Gomez und Sebastian Vettel, die zu diesem Team gehören. Das macht mich als Sportler stolz, einer davon zu sein! Die Formel 1 verfolge ich natürlich so gut es geht. Dabei drücke ich den Jungs von Red Bull die Daumen! Aber auch Jenson Button ist einer, für den ich mich freue, wenn er gute Rennen fährt. Er hat mir vor drei Jahren im Trainingslager zum WM-Titel gratuliert. Er ist selbst begeisterter Dreikämpfer und bestreitet jedes Jahr mehrere Triathlons mit sehenswerten Erfolgen. Im Gegenzug habe ich mich mal im Formel-1-Simulator versucht. Allerdings länger als eine halbe Runde habe ich nie gebraucht – fürs Kiesbett ...

SZ: Nach dem Rückzug des Hansgroheteams: Für wen starten Sie im kommenden Jahr oder starten Sie überhaupt in der Bundesliga?

Unger: Der Rückzug von Hansgrohe ist ein ziemlicher Verlust für die DTL. Aber das Unternehmen bleibt weiterhin mit viel Engagement in der Triathlonszene aktiv und wird auch zukünftig bei Veranstaltungen, Events und teilweise auch bei Athleten präsent sein. Ich selbst werde im kommenden Jahr keine Bundesligarennen bestreiten, obwohl einige Angebote sehr verlockend waren, möchte ich meine volle Konzentration und Kraft auf die Qualifikation für London richten.

SZ: Die Deutsche Triathlon-Union hat ein neues Präsidium, nicht zum ersten Mal in der jüngsten Vergangenheit. Was erwarten Sie vom neuen Präsidium? Ist es endlich auch mal nach dem Gusto der Athleten ...?

Unger: Ich kenne aus dem neuen Präsidium lediglich den Leistungssportverantwortlichen Reinhold Häuslein. Er war schon vor 14 Jahren Nachwuchstrainer und hat eine lange Geschichte mit der DTU. Durch das neue Präsidium erhoffe ich mir für die kommenden zwei Jahre vor allem Ruhe für uns Athleten in Richtung Olympia und einen klar erkennbaren Kurs. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass man unseren Sport noch ein ganzes Stück weiter nach vorne bringen kann – ich hoffe durch die neue Führungsmannschaft gelingt dies wieder ein Stück weit.

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