Neue Airbags sollen Autos noch sicherer machen

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Deutsche Presse-Agentur

Bei der Sicherheitsentwicklung geht es buchstäblich Knall auf Fall. Seit sich Airbags zu den wichtigsten Lebensrettern neben dem Gurt entwickelt haben, werden die Luftkissen immer weiter verfeinert.

„Nachdem mittlerweile auf breiter Front der Knie-Airbag Einzug hält, werden wir in Zukunft zwar nicht mehr viele völlig neue Airbags sehen“, sagt Dirk Schultz, der beim Zulieferer TRW in Altdorf (Bayern) die Entwicklung leitet. Es gebe jedoch immer mehr maßgeschneiderte Derivate für spezielle Fahrzeugtypen und Unfallsituationen.

So hat zum Beispiel Toyota für den Kleinwagen iQ das Prinzip der Vorhang-Airbags vor den Seitenscheiben auch auf die Heckscheibe übertragen. Weil die Fahrgäste im Fond des rund drei Meter kurzen 3+1-Sitzers förmlich unter der Kofferraumklappe sitzen und die Knautschzone nur wenige Zentimeter misst, soll sie beim Heckaufprall ein aufblasbares Kissen im Nacken schützen.

Ebenfalls einen neuen Airbag wird es in der nächsten Generation der E-Klasse geben, die Mercedes für das kommende Frühjahr angekündigt hat. Unter dem konventionellen Sidebag in der Sitzlehne bauen die Schwaben dort nach eigenen Angaben einen zweiten, sogenannten Pelvis-Bag ein, der speziell die Hüfte schützen soll.

Viel Entwicklungspotenzial haben offenbar auch die Seiten-Airbags von Cabrios und Roadstern. Weil dort in der Regel mangels festen Daches keine Airbag-Vorhänge eingebaut werden können, müssen die Luftkissen aus den Sitzlehnen mehr Schutz bieten. Peugeot hat deshalb zum Beispiel für das neue Cabrio des Golf-Gegners 308 den nach Angaben von Pressesprecher Bernhard Voss weltweit ersten in den Sitz integrierten Kopf-Airbag entwickelt. Dafür sei der Hersteller bei den jüngsten Crash-Tests bereits ausgezeichnet worden: Kein anderes Cabrio-Coupé sei bislang so gut bewertet worden.

Obwohl TRW-Experte Schultz vor allem Fortschritt im Detail erwartet, setzt sich eine weitere Airbag-Gattung durch, die bislang nur beim dreitürigen Renault Mégane eingebaut wurde: das aufblasbare Sitzkissen. Wie ein Keil unter den Oberschenkeln soll es nach Angaben von Renault-Sprecher Thomas May-Englert in Brühl verhindern, dass die Insassen bei einem Aufprall unter dem Gurt durchrutschen. Für den Renault Mégane wurde das System nach Angaben des Zulieferers Autoliv in Dachau noch einmal optimiert und ist jetzt zum Beispiel 60 Prozent leichter. Außerdem bauen es die Franzosen nun auch im Laguna Coupé ein. Und auch Toyota setzt beim iQ erstmals auf eine solche Lösung.

Den Fortschritt bei der Airbag-Entwicklung kann man laut TRW-Experte Schultz allerdings nicht nur an Anzahl und Format festmachen. Vielmehr arbeiteten die Entwickler an schnelleren, intelligenteren und bedarfsgerechteren Steuerungen. „Früher gab es nur zwei Möglichkeiten: Auslösen oder nicht“, sagt Schultz. „Heute dagegen öffnen sich die Airbags je nach Unfallschwere bereits in mehreren Stufen. In Zukunft können sie auch Größe und Position der Passagiere berücksichtigen.“

Außerdem werden die Zulieferer von Designern, Ingenieuren und Buchhaltern der Hersteller in die Pflicht genommen. Um den knappen Bauraum etwa in der Armaturentafel optimal zu nutzen, müssen Airbags immer kleiner und kompakter werden. Um ihren Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten, müssen die Zulieferer Gewicht sparen, und natürlich steigert jeder Euro Preissenkung die Einsatzchancen.

„Hightech zur Erhöhung der Sicherheit ist bezahlbar geworden und dadurch nicht mehr das Privileg des Premiumsegments“, sagt Jochen Neutz vom Fraunhofer Institut für Chemische Technologie in Karlsruhe. Das Institut hat Ende 2008 ein internationales Airbag-Symposium ausgerichtet. „Angesichts des starken Trends zu kleineren und 'vernünftigeren' Autos ist gerade diese Entwicklung von großer Bedeutung.“

Obwohl der Fortschritt offenbar in der Variation bestehender Systeme, in der intelligenten Steuerung, dem kompakten Design und dem günstigen Preis liegt, haben die Entwickler auch ein paar völlig neue Systeme in petto: Airbags zum Schutz der Fondpassagiere in den Rücklehnen der Vordersitze oder aufblasbare Sicherheitsgurte seien immer mal wieder ein Thema, sagt TRW-Experte Schultz. Derzeit verspreche der Einsatz solcher Systeme zwar keinen zusätzlichen Sicherheitsgewinn. „Doch sobald ein spezieller Fahrzeugtyp solche Lösungen erfordert, wären diese neuen Airbags ruckzuck serienreif.“

Das gilt womöglich auch für die Airbags, die nicht die Insassen, sondern Unfallgegner vor Schäden bewahren sollen: Denn um die wachsenden Anforderungen an den Fußgängerschutz zu erfüllen, werden nach Einschätzung von Experten bald auch außen Airbags zum Einsatz kommen und Stoßfänger, Motorhauben oder Frontscheiben polstern.

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