„Mein bestes Werk bisher“ - Und Andrew Bird hat Recht

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Andrew Bird
Andrew Bird hat alles richtig gemacht. (Foto: Amanda Demme / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Werner Herpell

Es gehört schon etwas Chuzpe dazu, ein neues Album „My Finest Work Yet“ zu betiteln - und dann tatsächlich das beste Werk seiner Karriere abzuliefern. Andrew Bird darf sich dieses Selbstbewusstsein also leisten.

Der Musiker aus Chicago kann ja auch - seinem Namen angemessen - wie ein Singvögelchen pfeifen und flöten (neben den ohnehin virtuosen Fähigkeiten an Gitarre, Geige und Glockenspiel). Und Songs schreiben und toll singen kann Bird natürlich sowieso.

Das beweist er seit dem Debüt von 1996 und seither immer wieder mit Indiepop-Juwelen, etwa „Weather Systems“ (2003), „Armchair Apocrypha“ (2007), „Noble Beast“ (2009) oder „Break It Yourself“ (2012). Die beiden Letztgenannten erreichten sogar die Top 15 der US-Billboard-Albumcharts.

Und dennoch wusste der 45-Jährige vermutlich selbst, dass ihm mit seiner ungefähr 15. Studioplatte etwas Herausragendes geglückt ist. Daher nicht nur der offensive Albumtitel, sondern gleich auch noch ein Cover-Artwork, für das sich Bird in der Pose des berühmten Bildes „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David (1748-1825) in der Badewanne inszenierte. Muss man sich auch erstmal trauen.

Zurück zu den Liedern von „My Finest Work Yet“ (Loma Vista-Concord/Universal), denn die überstrahlen letztlich das ganze gewitzte Drumherum.

Schon der Opener „Sisyphus“ setzt den Ton: Bird, der auf früheren Alben beim Experimentieren und Wildern in allen möglichen Stilschubladen manchmal die gepflegte Mitsing-Melodie übersah, begibt sich diesmal konsequent auf die Spuren großer Songwriter der ambitionierten Popmusik: beispielsweise John Lennon, Ray Davies, Scott Walker oder Brian Wilson, aus jüngerer Vergangenheit Jeff Tweedy, Richard Swift, Josh Tillman alias Father John Misty und Richard Hawley.

Danach dringt die kurz nach den US-Wahlen 2016 geschriebene, dunkel getönte Sixtiespop-Ballade „Bloodless“ tief in Herz und Hirn ein. Bird warnt vor gesellschaftlicher Spaltung und Blindheit gegenüber den bösartigen Entwicklungen der Gegenwart - unschwer erkennt man die Situation in seinem Trump-geplagten Heimatland („They are profiting from Your worry...“). Bis der Songwriter in der letzten Textzeile gar an den Spanischen Bürgerkrieg erinnert: „And it feels like 1936 in Catalonia.“ Ein fantastischer Politsong ganz ohne platte Agitprop-Rhetorik.

Über das sinfonische „Achipelago“ und die Klimaschutz-Mahnung „Manifest“ bis zum monumentalen Schlusslied „Bellevue Bridge Club“ hält Andrew Bird auf diesem 45-Minuten-Album ein sensationelles Niveau, Füllmaterial gibt es nicht. Die Komplexität dieser Pop, Folk, Soul und Jazz streifenden Songs ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Bird und seine Band um Produzent Paul Butler und Blake Mills (Gitarre) alles „live im Studio“ und ohne nachträgliche Politur einspielten.

„Das habe ich auch früher schon gemacht, aber da hatte es eine miese Qualität“, erzählte Bird dem Onlinemagazin „Paste“. „Diesmal wollte ich HiFi-Qualität, und das dauerte eben seine Zeit.“ Entsprechend luftig und hochwertig klingt „My Finest Work Yet“ nun.

Noch einmal zurück zum zunächst dreist klingenden Albumtitel: Bird behauptet ja, er halte sein letztes Album immer für das beste - diesmal habe er das eben einfach mal vorne draufgeschrieben. Spaß beiseite: „My Finest Work Yet“ erfüllt nun wirklich die höchsten Ansprüche. Das Musikmagazin „Rolling Stone“ sah es genauso - und kürte die Platte des Vogelmannes zum „Album des Monats“ im April.

Live genießen lässt sich Andrew Birds wunderbare Klangwelt übrigens im Sommer bei einem einzigen Deutschland-Konzert am 19.6. im Funkhaus Berlin.

Website Andrew Bird

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