Mehr Schutz vor Pestiziden: „Gesetz war überfällig“

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Deutsche Presse-Agentur

Man kann sie weder sehen noch schmecken. Doch auf unserem Obst und Gemüse sind Mittel gegen Schädlinge, Unkraut oder Pilzbefall allgegenwärtig. 

Massiv ist der Einsatz sogenannter Pestizide - auch Pflanzenschutzmittel genannt - in der europäischen Landwirtschaft. Zwar zeigen Umfragen, dass die Europäer Angst haben vor übermäßig belasteten Lebensmitteln haben. Dennoch ist angesichts von knappen Kassen und hohen Nahrungsmittelpreisen besonders in Deutschland die Nachfrage nach billigen Produkten hoch. Diese, argumentiert die Agrarwirtschaft, gibt es nur mittels großzügigem Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden.

Jetzt hat die Europäische Union den Spagat gewagt und scharfe Regeln für den Umgang mit Pestiziden unter Dach und Fach gebracht. Nach jahrelangen Verhandlungen verabschiedete das Europaparlament am Dienstag (13.1.) in Straßburg Richtlinie und Verordnung für deren Anwendung und Zulassung. Da sich Vertreter von EU-Kommission, Mitgliedstaaten und Parlament zuvor auf einen Kompromiss geeinigt hatten, ist die Zustimmung der Minister nur noch eine Formalie.

Weltweit einmalig sei das Gesetzespaket, jubeln die Gesetzgeber. Substanzen, die Krebs erregen, das Erbgut verändern oder die Fortpflanzungsfähigkeit schädigen, kommen auf den Index. 22 Stoffe von insgesamt gut 400 sind betroffen. Doch während auch von Verbraucherschützern zumindest verhaltener Beifall kommt, nennen Umweltschützer die neuen Regeln ungenügend.

„Der Gift-Lobby ist es gelungen, die guten Ansätze des EU-Parlamentes zum Schutz der Umwelt und der Verbraucher auszuhöhlen“, klagt Greenpeace-Experte Manfred Krautter. „Die Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, haben sich bei den Verhandlungen eher auf die Seite der Agroindustrie gestellt.“ So könne es für die Pestizide auf der Schwarzen Liste Ausnahmezulassungen von bis zu fünf Jahren geben. Bei hormonell wirksamen, nervengiftigen, das Immunsystem schädigenden oder für Bienen giftigen Pestiziden gebe es keinen Zulassungsstopp. Jetzt müssten Lebensmittelproduzenten und Handel selbst dafür sorgen, dass Einsatz und Rückstände von Pestiziden minimiert würden.

Die Europaabgeordneten sind mit dem neuen Gesetzeswerk zufrieden. Berichterstatterin Hiltrud Breyer spricht gar von „einer Sternstunde für Europa“. „Gerade vor dem Hintergrund des massiven Lobbydrucks von Pestizidindustrie und Landwirtschaftsvertretern, die noch bis zuletzt die Verbote aufweichen wollten, ist die Abstimmung ein Riesenerfolg“, jubelte sie. Noch enthalte 49 Prozent allen Obstes, Gemüses und Getreides in der EU einen „Pestizidcocktail“ - so viel wie noch nie.

Dagegen verwahrt sich die Chemieindustrie, zu der in Deutschland vor allem Bayer CropScience und BASF gehören. Ebenso wie Pharmaprodukte zählten Pestizide zu den am strengsten geprüften Chemikalien, betont der Generaldirektor des Europäischen Pflanzenschutzverbands (ECPA), Friedhelm Schmider. „Tatsache ist, dass die Vorteile für die Gesundheit durch eine ausgewogene Ernährung jedwede Bedenken über Pestizid-Rückstände bei weitem überwiegen.“ 

Und BASF-Vorstand Stefan Marcinowski warnt vor „unverantwortlicher Agrarromantik“. „Heute müssen drei Milliarden Menschen mehr als noch Mitte des letzten Jahrhunderts weltweit ernährt werden und in 50 Jahren wollen weitere drei Milliarden Menschen satt werden“, warnt der Chemiker und Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft in München. „Das ist ohne permanente Innovationen wie Pflanzenschutzmittel und biotechnologisch verbessertes Saatgut, welches weltweit bereits auf über 110 Millionen Hektar ausgebracht wird, überhaupt nicht möglich.“

Verbraucherschützer sehen das neue Regelwerk pragmatisch. „Das war längst überfällig“, meinte Jutta Jaksche vom Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv. Allein die Verbote giftiger Substanzen brächten für die Verbraucher „konkrete Vorteile“. „Worüber sie sich nicht freuen können, sind die Ausnahmeregelungen und Übergangsfristen.“ Hier werde der vzbv kontrollieren, welche Ausnahmen beispielsweise Deutschland plane. „Und dann werden wir eventuell warnen.“

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