Max Herre und „Athen“: Roadtrip durch die Vergangenheit

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Max Herre
Vergangenheit und Gegenwart treffen in Max Herres Album „Athen“ aufeinander. (Foto: dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Oliver Beckhoff

Kaum waren die ersten Hörproben von Max Herres neuem Album versandt, waren alle Zeitpläne auch schon Makulatur. Er sei schon wieder im Studio, hieß es in einer Mitteilung zwei Wochen vor der geplanten Veröffentlichung von „Athen“.

Seinen Fans hatte der frühere Freundeskreis-Frontmann das zuvor in sozialen Netzwerken offenbart. Statt im August, ist das Album erst jetzt erschienen. „Es lagen einfach noch ein paar Songs rum als Skizzen - und dann hab ich weitergemacht“, sagt Herre (46), der mit Soul-Sängerin Joy Denalane (46) als Traumpaar der deutschen Musikszene galt, lange bevor der Begriff für Helene Fischer und Florian Silbereisen reklamiert wurde.

Während Fischer und Silbereisen als Paar längst Geschichte sind, haben Herre und Denalane erst in diesem Jahr - 20 Jahre nach dem ersten gemeinsam aufgenommenen Freundeskreis-Hit „Mit Dir“ (1999) - mit der Single „Das Wenigste“ noch einmal die Auf- und Abs ihrer Liebe besungen. „Du hast mich gesehen, an meinem blinden Punkt, das Wenigste von mir“ - Im Kontrast zur Hochglanzwelt des Schlagers, offenbaren diese Zeilen eine menschliche Nahbarkeit, die sich nun auch auf „Athen“ wiederfindet.

Athen, das sei ein Sehnsuchtsort und ein Fluchtpunkt, der für Orte und Erinnerungen stehe. „Ich habe familiäre Verbindungen, weil mein Vater da lebte, Ende der 80er Jahre, mein ältester Onkel da geboren ist, mein Großvater da in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte.“

Bei der Arbeit am Album sei es darum gegangen, sich auf die Suche zu begeben, „nach Dingen, an denen man noch nicht gekratzt hat“, nach Erinnerungen, die gehoben werden wollen. Auch Gäste durften sich verewigen. So etwa der unumgängliche Trettmann, der zuletzt gefühlt auf keinem Rap-Album fehlte, der bei Sprachakrobaten wie Dendemann für Kollaborationen genauso gefragt ist wie bei „Rap-Rüpel“ Gzuz von der 187 Straßenbande. Die Bonus-EP hat Herre „Hier“ genannt - sie enthält die Songideen, die sich der Idee des Roadtrips auf „Athen“ nicht unterordnen wollten.

Musikalisch klingt das Album an vielen Stellen vor allem organisch, statt beatlastig. „Nachts“ etwa sampelt die gleichnamige Ballade der DDR-Rockband Panta Rhei. Es ist eine schwermütige Hommage an eine Zeit, in der Herre ein Kind war. „Ich glaube ja, dass die Musik aus der ehemaligen DDR im Westen sehr unterschätzt ist“, sagt Herre dazu: „Ich habe das Gefühl, die Musik war, die Bands, die Aufnahmetechnik, war weiter im Osten in der Zeit als im Westen.“

Um die Erlaubnis zu bekommen, das Stück zu verwenden, suchte er den Kontakt zum früheren Chef des alten Ost-Labels Amiga, Jörg Stempel, das zu DDR-Zeiten etwa die - O-Ton Herre: „sehr funky“ - Platten von Manfred Krug veröffentlichte, der im Westen vor allem als knurriger TV-Kommissar bekannt war.

Und zwischen den Blicken zurück auf die Musiklandschaft längst vergangener Staaten, auf Beziehungen und Lebensphasen, auf die eigenen Kinder, die erwachsen werden, sorgt sich Herre darum, wo sich das Land, in dem er groß geworden ist, hin entwickelt hat. In „Dunkles Kapitel“ geht er zusammen mit Megaloh die Diskursverschiebungen der vergangenen Jahre an: die wachsende Salonfähigkeit von Äußerungen, die früher in der Öffentlichkeit unsagbar schienen.

„Damals hieß es nie wieder. Es ist nicht lange her. Wehret den Anfängen - wenn das nur die Anfänge wären“, heißt es da. Entstanden ist der Text vor dem rechtsextremen Attentat von Halle.

„Natürlich fragen wir uns alle, wie viele Halles braucht es“, damit die Politik endlich handele. Rassisten habe es immer gegeben, aber inzwischen gebe es eine Partei, „die im Bundestag sitzt, unter deren Schirm - zumindest deren rechtem Flügel - sich Menschen sammeln können mit der Gesinnung“, sagt Herre, der in der Vergangenheit immer wieder politisch Stellung bezogen hat und das auch auf „Athen“ tut.

„Wir leben in Zeiten, in denen man - meiner Meinung nach - nicht vorbeigucken kann an bestimmten Entwicklungen“, sagt er. „Das beschäftigt mich und das beschäftigt Menschen um mich herum und ich kann dieses Mikrofon, das ich da vor der Nase habe, auch dafür nutzen.“

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