Mangelware Jungingenieure: Mit dem „Mittelalter“ sieht’s mau aus in Friedrichshafen

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Andreas Huchler sitzt mittendrin in der Problematik: Der Soziologe ist nicht nur wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strategische Organisation und Finanzierung an der Zeppelin University (ZU), sondern wohnt auch am Franziskusplatz. Und kriegt darob quasi am eigenen Leib typische Häfler Strukturdefizite mit: Um ihn herum leben viele Migranten und alte Menschen, das Kneipenangebot ums Haus ist desolat. Die Studenten weilen bevorzugt an der Uni – und hauen ab, so sie den Abschluss in der Tasche haben.

Will Friedrichshafen auch künftig in der wirtschaftlichen Spielklasse mithalten, in der es sich derzeit bewegt, muss man sich jetzt schon massiv drum kümmern, junge Leute an den See zu locken beziehungsweise hier zu halten. Denn im Bodenseekreis gab’s 2005 bereits weniger 20- bis 39-Jährige und mehr Über-60-Jährige als durchschnittlich in Baden-Württemberg leben. Wie Huchler weiter ausführt, zogen zwischen 1995 und 2005 – ebenfalls im Vergleich zum Land – hingegen überdurchschnittlich viele Menschen, die das 60. Lebensjahr überschritten haben, in den Bodenseekreis. Und einen „Hänger“ gibt’s in der Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen. Daher geht etwa ZF davon aus, dass das Durchschnittsalter ihrer Mitarbeiter bis zum Jahr 2015 auf 46 Jahre ansteigt – 2007 lag’s noch bei 41,5 Jahren.

Der Kampf um qualifizierte Ingenieure allein reicht Huchlers Ansicht nach allerdings nicht aus, um junge Leute anzuziehen – gefragt seien zudem „attraktive Work-Life-Balance-Angebote“, Jobs für Lebenspartnerinnen, die häufig hochqualifizierte Ausbildungen in nicht-technischen Bereichen mitbringen, und beste Kitas für Unterdreijährige, denn: „Wer im Studium die Angebote einer großen Unistadt kennengelernt hat, wird sich schwertun, in seinen besten Jahren nach Friedrichshafen zu ziehen.“

Studis können Bereicherung sein

Da ist es Huchler zufolge angezeigt, dass die „vergleichsweise kinderreiche Region“ alles tut, um ihren Nachwuchs zu halten – was sich sowohl auf Schulabgänger als auch BA- und ZU-Studenten bezieht. Bis 2020 werden die derzeit 550 ZU-Studenten auf stattliche 900 angewachsen sein, die BA-Studenten von 750 auf 1000. Auch ein neu durchmischter Fallenbrunnen könnte daher als „anregende Begegnungsstätte für werdende Gründer, erfinderische Jungingenieure und kreative Kulturschaffende aus der Region“ sein Scherflein dazu beitragen, die Stadt spannender zu machen, ist Huchler überzeugt.

BA-Chef Dr. Martin Freitag sieht’s ähnlich und träumt für 2020 nicht allein von einem Neubau samt Studentenwohnheim auf dem Areal, sondern ebenfalls von einem „belebten Campus“ infolge einer speziellen Mischung aus „Wohnen, Kneipen und Kultur“. Ist das Wohnheim erstmal da, rechnet Freitag mit einer verstärkten Präsenz der BA-Studis, die „mehr Leben und was Erfrischendes“ in die Stadt bringen und für Friedrichshafen deshalb „ein Zugewinn“ sein könnten.

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