„Man will noch immer nicht Tabula rasa machen“

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Das Zeppelin-Museum hat seine Bestände auf Raubkunst überprüft. Die Ergebnisse der Recherchen sind in der Ausstellung „Eigentum
Das Zeppelin-Museum hat seine Bestände auf Raubkunst überprüft. Die Ergebnisse der Recherchen sind in der Ausstellung „Eigentum verpflichtet“ bis Februar 2019 zu sehen. Im Bild das Ölgemälde „Blumenstrauß“ von Otto Dix aus dem Jahr 1923. (Foto: Felix Kästle)

Maurice Philip Remy hält am Donnerstag, 6. September, um 19 Uhr im Zeppelin-Museum einen Vortrag über den „Fall Gurlitt“. Der Eintritt ist frei; jeder Besucher gibt, was ihm die Veranstaltung wert ist.

Das Buch von Maurice Philip Remy ist der Bundesregierung ein Ärgernis. Auf 562 Seiten hat der Journalist, Sachbuchautor und Dokumentarfilmer penibel den „Fall Gurlitt“ nachgezeichnet. „Während ich das Buch geschrieben habe, hat das Staatsministerium für Kultur über den Amtschef Günter Winands versucht, es zu verhindern“, erinnert sich der Autor im Gespräch mit der SZ. Dieser Versuch ging ins Leere. „Als das Buch dann herauskam, wurde es totgeschwiegen.“ Das hat seinen Grund, denn die Politik kommt nicht gut weg in Remys minutiösen Recherchen.

Vom öffentlichen Bild des Cornelius Gurlitt, der auf einem Berg von Raubkunst sitzt, bleibt darin nichts übrig. Von den 1555 Kunstwerken, die bei Gurlitt beschlagnahmt wurden, konnte bislang bei gerade mal fünf festgestellt werden, dass es sich um Raubkunst handelt. Bei vier davon stand das schon fest, bevor die eingesetzte Taskforce ihre Untersuchungen aufgenommen hatte. Ein blamables Ergebnis, findet Remy. „Die Anzahl der Raubkunst ist so gering, dass er die ganze Aufregung um den Fall nicht gerechtfertigt hätte“, sagt er.

Cornelius Gurlitt war ein zurückgezogen lebender Sonderling. Als die Lawine über ihn hereinbrach, war er alt, körperlich hinfällig und auch psychisch eingeschränkt. Remy hat ihn kennengelernt, nach einer Operation am Herzen. „Ich weiß nicht, ob er wirklich verstanden habe, was ich ihm gesagt habe. Da war kein Gespräch möglich.“ Für Remy ist Gurlitt, der wenige Wochen nach dieser Begegnung starb, ein Opfer der Politik. Da wurde viel Getöse gemacht, weil die Bundesrepublik die Enteignung von Juden während des Dritten Reichs nie ernsthaft aufarbeitete. „Arisierung hat sich gelohnt bei uns – weil sie nie entschlossen rückabgewickelt wurde“, sagt Remy. „Ich habe keinen Zweifel, dass der Fall Gurlitt bewusst so in den Vordergrund gespielt wurde, um von dieser tatsächlichen strukturellen Problematik abzulenken.“

Unlängst sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Paris bei einer Tagung über Raubkunst: „Wir sind Weltmeister bei der Restitution!“ Remy hält dagegen: „Wir sind Weltmeister im Lippenbekenntnis!“ Bei 60 Prozent der deutschen Kunstmuseen bestehe die Möglichkeit, dass sie Raubkunst in ihren Beständen haben, führt er an. „Aber 2015, eineinhalb Jahre, nachdem der Fall Gurlitt an die Öffentlichkeit kam, hatten von diesen 60 Prozent gerade mal zehn Prozent begonnen, in ihren Sammlungen überhaupt mal nachzusehen“, argumentiert Remy.

Überhaupt werde das Thema Enteignung jüdischen Besitzes während der Naziherrschaft viel zu eng gefasst, wenn man es auf Raubkunst reduziere. „Es geht darüber hinaus aber um Immobilienbesitz, Industriebeteiligungen, Aktien, Bankdepots. Die Kunst ist nur ein ganz kleiner Teil.“ Aber eben auch bei der Kunst ist Deutschland in Sachen Restitution längst nicht dort, wo es nach Remys Ansicht sein müsste.

Natürlich liegt das zum einen daran, dass es irrsinnig teuer ist, ein Gemälde mit lückenhafter Vorbesitzerliste auf seine Herkunft zu prüfen, um herauszufinden, ob es sich um Raubkunst handelt. Selbst mit großen Budgets lässt sich nur wenig Aufklärung erreichen. Auch deshalb macht es für Remy keinen Sinn, jedes Bild mit lückenhafter Herkunft als potenzielle Raubkunst zu stigmatisieren – so, wie das im Fall Gurlitt geschehen ist. Remy plädiert dafür, diese Provenienzforschung vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Die Museen müssten jedes Stück, das eine Lücke in der Provenienz hat, in einer Datenbank im Internet veröffentlichen“, sagt Remy. „Damit hätte man für die Alteigentümer erst mal Transparenz geschaffen. Und erst bei Bildern, bei denen es dann wirklich Verdachtsmomente auf Raubkunst gibt, könnte man vertiefend mit Provenienzforschung nachlegen.“

Warum wird dieser effektive, kostensparende Weg, nicht eingeschlagen? „Weil man immer noch nicht Tabula rasa machen will“, ist Remy überzeugt. Wie sonst ließe sich erklären, dass viele Museen gar nicht ihre Gesamtbestände erforschen, sondern nur, was in den Schauausstellungen zu sehen ist – nicht aber die Depots, in denen ein Mehrfaches liege? Remy vertritt in Sachen Aufarbeitung eine klare Linie: „Entweder ganz oder gar nicht. Sonst braucht man’s gar nicht erst zu machen.“

Maurice Philip Remy hält am Donnerstag, 6. September, um 19 Uhr im Zeppelin-Museum einen Vortrag über den „Fall Gurlitt“. Der Eintritt ist frei; jeder Besucher gibt, was ihm die Veranstaltung wert ist.

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