Dr. Michaela Mohl begrüßte die Zuhörer und führte ins Thema ein. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Ein Plädoyer für eine Wiederentdeckung der Gelassenheit am Lebensende hat Professor Giovanni Maio beim Jubiläumsabend des Palliativ- und Hospiztags im Martin-Luther-Gemeindehaus in Biberach gehalten. Zehn Jahre Kommunikation, Fortbildung und Austausch von Menschen, die sich um Sterbende kümmern, sie pflegen, betreuen und ihnen beistehen haben die Mitglieder gefeiert. 180 Zuhörer folgten dem Vortrag.

Maio ist Mediziner und Philosoph mit einem Lehrstuhl für Ethik in der Medizin an der Universität Freiburg. Er zeigte in seinem Vortrag verschiedene Facetten und Blickwinkel der letzten Lebensphase auf und hinterfragte den Sinn des Sterbens. Wie viel Marktorientierung der modernen Medizin spielt am Lebensende eine Rolle? Muss die Therapie bis zuletzt sein? Verdrängt sie nicht die auftretenden Fragen und Wünsche des kranken Menschen nach Nähe, Gespräch und Zuwendung? Weg vom Heilsmaterialismus

Maio plädiert für eine Abkehr vom Heilsmaterialismus und eine Zuwendung zum Menschen, um das Sterben wieder als Schicksal zu sehen. Ein Schicksal, das unsere Gesellschaft mit ihrer modernen Medizin duldet, ihm zustimmt und den Menschen hierbei begleitet. Die unheilbare Krankheit wird nicht durch die Unheilbarkeit zum Schicksal, sondern durch die Unausweichlichkeit des nahen Sterbens. Mit einer neuen Gelassenheit im Sterben tritt die Frage nach dem Sinn des Lebens viel früher zutage.

Die Besinnung des Sterbenden, seiner Therapeuten und Angehörigen auf das Sterben werde nicht verhindert durch eine maximaltechnologische Medizin. Es findet kein Kampf mit allen menschlichen, technischen und pharmazeutischen Ressourcen statt. Das Sterben wird zugelassen und mit dieser Gelassenheit kann Sterben besser, erfüllter und menschenwürdiger gelingen. Maio stellt auch die mittlerweile allgegenwärtige Patientenverfügung auf den Prüfstand. Als Verfügung über das Unverfügbare bezeichnet er sie. Kann eine Verfügung, getroffen aus der Sichtweise des mitten im Leben stehenden Menschen, im Sterben noch gelten? Sind nicht nahe stehende Menschen die ethisch bessere Alternative?

Ethisch handeln im Sterben bedeutet, dass die Medizin und Pflege wieder lernen muss, mit dem Schicksal umzugehen, und den Betroffenen dabei zu helfen. Eine neue alte Gelassenheit am Lebensende wäre ein großer Schritt hin zur Rückbesinnung auf ein bewusstes Leben im Sterben, um mit einer gewissen Leichtigkeit und Erfüllung dem Tod zu begegnen.

Mit ihrer irischen Harfe fand Ruth Schmidberger den idealen Abschluss zum Vortrag und leitete gleichzeitig zu den Gesprächen über.

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