Lukas Rietzschel stellt sein Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ in Leutkirch vor

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 Lukas Rietzschel ist ein Shootingstar der Literatur. Und er hat etwas zu sagen, ohne Larmoyanz.
Lukas Rietzschel ist ein Shootingstar der Literatur. Und er hat etwas zu sagen, ohne Larmoyanz. (Foto: Bernd Guido Weber)
Bernd Guido Weber

Leutkirch - Es ist alles bekannt, eigentlich. Nach der Wende werden die volkseigenen Betriebe der DDR plattgemacht. Menschen verlieren Job und Orientierung, kommen mit den plötzlich so anderen Zeiten nicht zurecht. Die Besten sind sowieso bereits im Westen, oder machen sich jetzt ins Wohlstandsdeutschland auf. Familien zerbrechen, zurück bleibt Verunsicherung, Frust, Wut. Viele haben darüber geschrieben, aber Lukas Rietzschels Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist abseits jeder Larmoyanz, abseits des Ossi-Gejammeres. In bestechend klarer Sprache schildert er das Schicksal zweier Brüder. Den Weg an den ganz rechten Rand. Präzise, hautnah. Sein Buch hat der Autor in der Stadtbücherei in Leutkirch vorgestellt.

Kulturmagazine – Print und TV – haben Rietzschel als neuen Shootingstar gefeiert. In der Spiegel-Bestsellerliste ist der Roman nach ganz oben geschossen, in Dresden und anderswo kommt er bald auf die Bühne. In Leutkirch, bei der Lesung in der Statbücherei, interessieren sich knapp zwei Handvoll Menschen für Werk und Autor. Eingeladen hat die Volkshochschule, VHS-Leiter Karl-Anton Maucher hat dann doch mit mehr Interesse gerechnet. Am folgenden Tag liest und diskutiert Rietzschel in der Geschwister-Scholl-Schule. Der Osten Deutschlands ist weit weg. Die Oberlausitz mit ihren abgehängten, bröckelfassadigen Dörfern, dem schmutzigen Braunkohle-Tagebau, den dumpfen Neonazis sowieso.

Es wird eine hochinteressante Lesung. Ein Höhepunkt im Kulturprogramm der Stadt Leutkirch. Der erst 25-jährige Autor erweist sich als wacher, intelligenter Geist. Aufgewachsen in der Kleinstadt Kamenz in der Oberlausitz, heute lebt er in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschland. In seinem Buch schildert er das Aufwachsen der beiden Brüder Philipp und Tobias, in den Jahren 2000 bis 2015. Der Alltag öde, die Freunde verspult, oft auch verlassen, im Wortsinn: von Vater oder Mutter. Crystal Meth wird zum echten Problem, Alkohol sowieso. Wenig Hoffnung, selbst die „Wendegewinner“ wirken nicht glücklich. Höhepunkt dieses tristen Daseins ist eine Brandstiftung auf dem Jahrmarkt. „Dunkelheit bis auf das rotierende Blaulicht“. Da sind die Kerle mit den dicken Oberarmen schon aktiv.

Die rechte Szene, brandgefährlich, geht bald auf Ausländerjagd. „Die zerstören ihre Städte, misshandeln ihre Frauen, kommen dann zu uns, um hier Arzt oder Anwalt zu werden. Von unserem Geld.“ Also mit der Faust ins Gesicht. Der Autor beschreibt harte Szenen. Beim Schreiben noch Fiktion, bald von der Wirklichkeit eingeholt. 2016 brennt in Bautzen ein Asylbewerberheim, der Mob hindert die Feuerwehr am Löschen. Chemnitz, Dresden, die sächsische Schweiz kommen in die Schlagzeilen. Wut- und Hutbürger, viele aus durchaus gut situierter Mittelschicht. „Aber das ist nur der gemäßigte Arm der Neonazis“, konstatiert Rietzschel. „Wohin das führen kann, sieht man beim NSU.“

Die Diskussion ist rege, die Kenntnisse des Autors über den Osten – aber auch über die Nazi-Brutzellen im Ruhrgebiet – sind profund. Gibt es Lösungen? Eine schwierige Frage. In Görlitz hat ein AfD-Mann – Ex-Polizist – gute Chancen, Oberbürgermeister zu werden. Städte wie Dresden und Leipzig blicken auf eine lange Kulturtradition zurück, die sich aber ebenso wenig wie die von Berlin aufs Land ausgebreitet hat. Der Autor hofft auf ein „Europa der Regionen“, etwa Görlitz zusammen mit der polnischen Geschwisterstadt am gegenüberliegenden Ufer der Neiße. Und auf ganz kleine Schritte, wie die Bürgerbeteiligung in den Ortsteilen von Görlitz. Bei sehr überschaubaren Projekten. Der Weg sei aber noch weit.

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