Lounge und Ladynights: Kinos suchen neues Publikum

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Deutsche Presse-Agentur

Statt in muffigen Plüschsesseln versinkt man in verstellbaren Designersitzen mit viel Beinfreiheit - wie in der Firstclass eines Flugzeuges. Am Platz werden Rotwein oder Champagner serviert. Statt Popcorn gibt es überbackene Jakobsmuscheln oder Lammrücken auf Gemüse-Couscous.

Auch so kann sich Kino anfühlen. Seit einigen Wochen zumindest in der Astor Film Lounge am Berliner Kurfürstendamm. Ausgerechnet Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe, der in den 90er Jahren mit seinen Multiplexen die Programmkinos unter Druck setzte, geht mit diesem „genussvollen Kino“ neue Wege. Aber auch andere Betreiber versuchen Publikum vom heimischen Sofa zu locken. Die Zukunft des Kinos soll sogar Thema auf der 60. Berlinale im kommenden Jahr sein.

In die Astor Film Lounge investierte Flebbe stolze 800 000 Euro. Dafür ließ er in dem denkmalgeschützten Filmtheater aus den Fünfziger Jahren die alten Sitze rausreißen, verringerte die Plätze von 480 auf 250 und installierte hochmoderne Technik - auch 3-D-Filme können hier jetzt gezeigt werden. 20 Mitarbeiter sorgen für das Wohl der Besucher. Neben der Bedienung am Platz gibt es auch eine Garderobiere wie im Theater. Auf Wunsch wird sogar das Auto in ein benachbartes Parkhaus gefahren.

Die Filme: „Keine Hardcore-Filmkunst und kein billiger Klamauk, aber gehobene Unterhaltung“, wie Flebbe betont. Seine Zielgruppe sind anspruchsvolle Kinogänger ab 30plus, die für eine Karte auch bis zu 17 Euro ausgeben mögen. “Kino soll wieder zum Erlebnis werden“, sagt Flebbe. So gibt es weniger Werbung, ein Vorprogramm und eine Lichtshow. Bislang sei die Resonanz hervorragend. Solche Luxus- Filmtheater plant Flebbe, der bis vergangenen September noch die Cinemaxx leitete, auch in anderen Großstädten. Dafür sucht er noch nach schönen alten Filmhäusern an guten Standorten.

Die Kinokrise scheint nach Expertenmeinung eigentlich überwunden. Dennoch sehen sich Kinobesitzer in weiter schwierigem Umfeld. Filme können als DVD auf immer größeren Bildschirmen in guter Qualität zu Hause geschaut werden. Und gerade Jugendliche geben mehr Geld fürs Handy oder den I-Pod aus als ins Kino zu gehen. Streifen wie „Ice Age“ oder „Wilde Hühner“ werden zudem lieber aus dem Internet raubkopiert, auch wenn das illegal ist.

Für Berlinale-Chef Dieter Kosslick gibt es aber „keinen Film ohne Kino als sozialer und kommunikativer Raum und auch als Stadtarchitektur“. 2010 will er auf den Filmfestspielen präsentieren, was es in den vergangenen 100 Jahren an Kinohäusern in Berlin gab. „Im Kino muss das gezeigt werden, was man sonst nicht sehen kann“, betont Kosslick. Wichtig seien neben guten Sitzen, Ton und Leinwand auch Speisen und Getränke.

„Der Kinobesuch muss ein besonderes Ereignis sein, das man zelebriert wie ein gutes Essen im teuren Restaurant“, sagt Eva Matlok von der Gilde deutscher Filmkunsttheater. Events oder spezielle Schwerpunkte böten viele Programmkinos schon länger. So gibt es in „Orfeos Erben“ in Frankfurt eine Gourmetküche für Banker und Geschäftsleute. Die traditionsreiche „Lichtburg“ in Essen mit Deutschlands größtem Kinosaal lockt mit vielen Premieren und Stars.

In Berlin zeigt das „Xenon“ nur schwul-lesbische Filme und das „Krokodil“ ausschließlich Filmkunst aus Russland und Osteuropa. Im „Bali“ werden Tangoabende veranstaltet und in den „York“-Kinos italienischer Kaffee oder zu Weihnachten Dresdner Stollen serviert.

Auch die Cinemaxx-Gruppe setzt nicht nur auf Popcorn und große Leinwände. „Das Flebbe-Konzept haben wir schon länger“, betont Sprecher Arne Schmidt. So gebe es im Cinemaxx in Essen in einem Kinosaal auch besonders bequeme Sessel und Service am Platz. Darüber hinaus böten viele Häuser „Zielgruppenprogramme“ so wie Kids-Club oder Ladynights mit Kopfmassagen und Männerversteigerungen.

Fast 130 Millionen Besucher zählten Deutschlands Kinos 2008 nach Angaben der Filmförderungsanstalt FFA, vier Millionen mehr als im durchwachsenen Vorjahr. „Die Deutschen gehen aber weniger ins Kino als beispielsweise die Engländer oder Amerikaner. Da ist noch viel Potenzial“, betont FFA-Sprecher Thomas Schulz. Das Luxus-Segment sieht er aber nicht als die „einzig wahre Perspektive für das Kino von morgen“.

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