„Latte-Macchiato-Mütter“ sind eine beliebte Zielgruppe

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Deutsche Presse-Agentur

Auf dem Wandregal, wo in anderen Cafés die Schnapsflaschen stehen, sind hier Gläschen mit Babybrei ordentlich nebeneinander angeordnet. Die Wände des kleinen Raums sind grün und gelb, die Lampen rot mit weißen Punkten.

Mitten in dieser farbenfrohen Umgebung des Cafés liegt die zweijährige Alina auf einer blauen Sportmatte und drückt immer wieder auf einen Brummkreisel. Ihre Mutter sitzt daneben auf einem braunen Holzstuhl, so groß wie die in Grundschulklassen, und trinkt mit ihrer besten Freundin eine Milchkaffee.

„Für mich ist dieses Café der perfekte Ort, um mich mit Freundinnen zu treffen“, sagt die 33-jährige Sandra Glaubert. Als ihre Tochter auf die Welt kam, hat sie ihren Job als Sekretärin bis auf weiteres aufgegeben. „Hier können wir entspannt quatschen, Alina kann spielen und so laut sein wie sie möchte - niemanden stört das.“

Vor fast vier Jahren hat Alex Thieler das Café „Freistunde“ am Münchner Glockenbachplatz aufgemacht. Die 35-Jährige ist selbst Mutter dreier Kinder und war von den gemeinsamen Café-Besuchen genervt. „Jede Mutter weiß, was das für eine Strapaze ist. Die Kinder können nicht spielen, ihnen ist langweilig, dann nehmen sie alles auseinander und die Bedienung ist genervt.“ Also kam Alex Thieler auf die Idee eines familienfreundliches Cafés, „wo sich Mütter, Kinder und die Bedienung gleichermaßen wohl fühlen“. Dafür sorgen unter anderem eine große Spielfläche, Spielzeug und ein Wickeltisch. Außerdem sind alle Steckdosen kindersicher.

Die Gäste in Thielers Café sind fast immer dieselben: „Junge Mütter mir ihrem ersten Kind, meistens zu zweit oder dritt.“ Anja Kirig, Forscherin am privaten „Zukunftsinstitut“ im hessischen Kelkheim, hat für diese Gruppe auch einen Namen: „Latte-Macchiato-Mütter“. „Das ist eine Lebensstilgruppe, die sich von früheren Müttergenerationen unterscheidet, weil sie das Leben mit Kind bewusst so weiterführen wie zuvor. „Latte-Macchiato-Mütter ziehen sich nicht aus der Öffentlichkeit zurück, sondern leben ihr Leben genauso wie vor der Geburt, gehen in Cafés, arbeiten, auf Partys, zum Sport - nur eben alles inklusive Kinder-Anhang.“

Als Konsumentinnen seien diese Mütter sehr interessant, sagt Kirig. Denn sie brauchen nicht nur ihren täglichen Kaffee, sondern auch Kleidung für die Kinder, Windeln, Fläschchen, Spielzeug und vieles andere. „Sie haben einen hohen Gesundheits- und Genussanspruch - sind sehr anspruchsvoll und kritisch, kaufen gerne, aber überlegt.“ Und meistens treffen sie die Entscheidungen beim Kaufen, nicht die Väter.

88 Prozent der Mütter entscheiden etwa, welche Lebensmittel gekauft werden, ergab eine 2002 im Auftrag des Fernsehsenders Super RTL vom Marktforschungsunternehmen Synovate durchgeführte Studie. 80 Prozent der Mütter entscheiden demnach über die Körperpflegemittel und immerhin noch zwei Drittel über die Geschenkartikel, die gekauft werden müssen. Viele Anbieter hätten sich - wie Alex Thieler mit ihrem Café - inzwischen schon auf die neuen Mütter eingestellt, sagt die Expertin Kirig. „Einige werben sogar bereits mit dem Begriff Latte-Macchiato-Mütter.“

Auch die Produkte von Claudia Fischer-Appelt richten sich an solche Mütter. „Die moderne Familie braucht ein zeitgemäßes Gesicht, ohne Anspruch auf Vollkommenheit und jenseits von Blümchen-und-Bärchen-Infantilität“, ist die 41-Jährige überzeugt. 2005 hat sie in Hamburg die Agentur „mamamoto“ gegründet und vertreibt seitdem Kleidung, Fläschchen und Schnuller über das Internet. Wichtig ist ihr dabei das zeitgemäße Familienbild. „Wir machen Sachen, die Familien gut tun und die Lust machen auf Familie.“ Und alles mit einem Schuss Ironie: So heißt der Schnuller „Lautlos“, das T-Shirt „Elisabbert“ und das Fläschchen „Kind voll - Flasche leer“.

Café „Freistunde“ (München): www.cafe-freistunde.de

Zukunftsinstitut GmbH: www.zukunftsinstitut.de

Shop „mamamoto“: www.mamamoto.de

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