„Lass uns telefonieren“: Generation Unverbindlich

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Deutsche Presse-Agentur

Klare Verabredungen sind heute für viele Menschen die Ausnahme geworden: Wo es früher noch hieß „Freitag um acht“, hört man heute ständig „Wir telefonieren dann nochmal“.

Und nicht selten wird die Verabredung dann noch kurzfristig verschoben oder abgesagt - eine SMS reicht manchem dafür schon aus. Niemand will sich mehr so recht auf feste Termine einlassen, so scheint es. Alles andere ist aber nicht nur schlechter Stil - es verhindert auch echte Freundschaften.

„Die Technologien der virtuellen Welt machen es uns leicht, unverbindlich zu sein“, sagt die Psychotherapeutin und Psychologin Gabrielle Rütschi aus Zürich. In ihrem Buch „Vielleicht - Die unverbindliche Verbindlichkeit“ untersucht sie, woher die um sich greifende Unzuverlässigkeit kommt. „Wir müssen den anderen nicht mehr in die Augen schauen“, erläutert Rütschi - per SMS oder E-Mail seien wir mit der Enttäuschung oder Verärgerung des Gegenübers nicht unmittelbar konfrontiert. Und damit sinke die Hemmschwelle, Verabredungen kurzfristig abzusagen oder Versprechen zu brechen.

„Die SMS zum Beispiel ist ideal für Konfliktscheue. Da muss ich dem anderen nicht gegenüber sitzen“, sagt auch der Psychotherapeut Joachim Engl vom Institut für Kommunikationstherapie in München. Es ist aber höchst unhöflich, „negative Botschaften“ per Kurzmitteilung zu verschicken, fügt die Benimm-Trainerin Salka Schwarz aus Berlin hinzu: „Eine Absage oder das Zuspätkommen per SMS mitzuteilen - das ist schlechter Stil.“ Dennoch gehen offenbar vor allem Jugendliche ziemlich locker mit den modernen Kommunikationswegen um.

Ob das Beenden einer Beziehung über SMS erlaubt ist, bejahen zum Beispiel vier von zehn Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren, ergab eine repräsentative Umfrage des Online-Portals „gesundheit-pro.de“ in Baierbrunn bei München. Gegen eine Trennungs-E-Mail hatten knapp 40 Prozent nichts einzuwenden. Anders sieht es bei der älteren Generation aus: Weit mehr als 80 Prozent der Über-50-Jährigen könnten sich solch ein Verhalten nicht vorstellen.

Es sind aber nicht nur die modernen Kommunikationsmittel, die Schuld an der wachsenden Unverbindlichkeit tragen, sagt Rütschi. Sie beschreibt in ihrem Buch eine junge Generation von Menschen, die vor allem eines möchte: sich wohlfühlen und Spaß haben. „Es geht um die emotionale Bedürfnisbefriedigung um jeden Preis.“ Zuverlässigkeit und Treue hätten da nicht mehr viel Platz. „Jeder lebt in seiner Ich-AG“, so formuliert es Rütschi.

„So ein Vorgehen ist ein respektloser Umgang mit der Zeit des anderen“, sagt Schwarz, die ein solches Verhalten dennoch oft beobachtet. Ihrer Erfahrung nach wird das jedoch langfristig von den Mitmenschen abgestraft. „Einfach so dahinzuplaudern und Treffen kurzfristig wieder abzusagen - das wird als schlechtes Benehmen erkannt.“ Kollegen und Freunde merken sich das Verhalten - und verlassen sich nicht mehr auf die Person.

Konflikten per SMS oder E-Mail aus dem Weg zu gehen, bringe nur kurzfristige Entlastung, gibt auch Engl zu bedenken: „Früher oder später holt mich das ein. Daher ist es aus psychologischer Sicht besser, sich dem Problem gleich zu stellen.“ Klare Worte helfen - und sie stoßen nicht immer gleich den anderen vor den Kopf: „Höflichkeit heißt ja nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss“, sagt Schwarz. In ihrer Praxis beschweren sich viele Menschen über die zunehmende Unzuverlässigkeit. Sie sehnen sich wieder nach mehr Verbindlichkeit - sowohl im Privaten wie im Beruflichen.

Diese Sehnsucht beobachtet auch Rütschi. Sie spricht von einer zunehmenden Gegenbewegung: „Der Respekt vor anderen Menschen gewinnt bei der Erziehung von Kindern wieder an Gewicht.“ Viele Menschen hätten aus eigener Erfahrung gelernt, dass die alleinige Bedürfnisbefriedigung nicht glücklich macht. Sie brächten ihren Kindern wieder traditionelle Werte wie Zuverlässigkeit und Treue bei.

Literatur: Gabrielle Rütschi: Vielleicht - Die unverbindliche Verbindlichkeit. Books on Demand, 2008, ISBN 978-3-8334-8652-4, 22,60 Euro

Verbindlichkeit in allen Lebenslagen - das ist nicht immer einfach. Diese Erfahrung hat die Psychologin Gabrielle Rütschi aus Zürich gemacht. Sie selbst habe auch oft zwischen der Verbindlichkeit ihren Kindern, ihrem Mann und ihrer Karriere gegenüber abwägen müssen. „Aber vor allem im Freundeskreis ist Verbindlichkeit wichtig“, sagt Rütschi - „im weiteren Bekanntenkreis dagegen schon weniger“. Im Berufsleben sei Verbindlichkeit „funktional“ zu betrachten. Letztlich müsse jeder für sich selbst austesten, wo er Verbindlichkeit zeigen will und kann - und wo er diesen Schwerpunkt nicht setzt.

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