Krankenkassenpatienten sollen mehr Leistung einfordern

Lesedauer: 4 Min
Deutsche Presse-Agentur

Knapp zwei Monate nach dem Start des Gesundheitsfonds sollen die 70 Millionen Versicherten ihre Krankenkassen selbst stärker zu mehr Service und Leistungen drängen.

„Wenn Sie keinen Termin beim Facharzt bekommen, dann rufen Sie doch ihre Krankenkasse an“, riet Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in Berlin. Eine neue Karte gibt Überblick über die wichtigsten Leistungs- und Service-Möglichkeiten der Kassen und soll den Patienten helfen, selbst Druck auf ihre Versicherungen zu machen.

Das Ziel sei ein „breites Netz an Serviceleistungen“, sagte Schmidt. Kassen sollten verstärkt zum Fürsprecher der Patienten werden. Die Versicherten könnten sich sonst zum Teil in der Vielfalt des Gesundheitswesens verloren fühlen.

Unterstützung kommt von der Verbraucherzentrale und der Stiftung Warentest. „Jeder ist gefordert, sich selbst zu informieren“, sagte Hubertus Primus, Chefredakteur der Zeitschrift „test“. Tarife und Wahlmöglichkeiten würden immer vielfältiger. „Wir bekommen hier noch viel Dynamik hinein“, sagte Gerd Billen, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Dies gelte, obwohl 95 Prozent der Kassen-Leistungen gesetzlich vorgeschrieben seien.

Als Beispiele für freiwillige Service-Angebote nannte Primus telefonische Erreichbarkeit am Wochenende, Geld für Hospiz-Betreuung und häusliche Krankenpflege, Impfungen vor Reisen, Nichtraucherkurse, Boni für gesundes Verhalten sowie Programme, bei denen man immer zuerst zum Hausarzt geht und dafür besser versorgt werden soll. Neun Millionen der neuen Karten zum Check solcher Leistungen im Ausweis- Format werden in ganz Deutschland verteilt oder liegen der Zeitschrift „Finanztest“ bei.

Unzufriedene sollten ihre Kassen wechseln, sagte Schmidt. Jährlich tun dies bereits rund 2,5 Millionen Menschen. Hintergrund des steigenden Leistungs- und Servicewettbewerbs zwischen den noch gut 200 Kassen ist, dass für alle seit 1. Januar der Einheitsbeitrag von 15,5 Prozent gilt. „Auf dieser fairen Grundlage starten sie nun in den Wettbewerb um gute Qualität und besten Service“, so Schmidt. Der vorher dominierende Preiswettbewerb fiel dagegen vorerst weg. Allerdings dürften nach Expertenansicht Mitte des Jahres erste Kassen Zusatzbeiträge von bis zu einem Prozent des Monatseinkommens erheben.

Bedenken, die Verbraucher würden ein Angebotswirrwarr überfordert, wiesen Schmidt und die Verbraucherschützer zurück. „Ich glaube, dass Erwachsene das vergleichen können“, sagte die Ministerin. Datennetze zur besseren Vergleichbarkeit der Kassen seien im Aufbau. Der Kassen- Spitzenverband begrüßte die neue Karte, sie sei aber nur ein weiteres Hilfsmittel.

Derzeit rühren Kassen verstärkt die Werbetrommel. Sie werben zum Beispiel mit schneller Terminvergabe und kurzen Wartezeiten. Andere bieten zusätzliche Untersuchungen für Minderjährige und Onlineberatung neben den traditionellen Geschäftsstellen. Einige Kassen kooperieren für Zusatzversicherungen mit Privatassekuranzen. Zu Vorsicht raten Experten bei Wahltarifen, bei denen Versicherte den Schaden teils selbst tragen müssen - zumal damit eine dreijährige Vertragsbindung einhergeht. Dazu kommen Chronikerprogramme oder Bezahlung von Naturheilverfahren.

Weitere Informationen des Bundesgesundheitsministeriums: www.bmg.bund.de/kassenservice

Weitere Informationen der Stiftung Warentest: www.test.de/gkv

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen