„Kolyma“ - Sowjetkrimi aus jüngerer Vergangenheit

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Deutsche Presse-Agentur

Dass ein nicht einmal 30-Jähriger innerhalb von 50 Wochen zwei Bestseller vorlegt, wäre etwas viel verlangt. Tom Rob Smith versucht es trotzdem.

Der Engländer, 1979 als Sohn einer Schwedin und eines Engländers geboren, hat nicht einmal ein Jahr nach seinem Erfolgsroman „Kind 44“ sein neues - und erst zweites Buch - vorgelegt. „Kolyma“ ist so etwas wie die inoffizielle Fortsetzung von „Kind 44“ mit vielen Protagonisten und vor allem dem Umfeld des ersten Buches. Das zweite ist kein großes Buch, das der Leser mit dem Gefühl weglegt, durch die Lektüre verändert worden zu sein. Gute und zumal spannende Unterhaltung ist „Kolyma“ aber auf jeden Fall.

Hauptfigur von „Kind 44“ war ein Geheimdienstoffizier, der im Todesjahr Stalins eine Serie an Kindermorden aufklären sollte, ohne es eigentlich zu dürfen. Denn in der kommunistischen Sowjetunion durfte es keine Verbrechen geben, weil doch jeder glücklich in der klassenlosen Gesellschaft sei. Und so musste Leo Demidow nicht nur gegen die Täter, sondern auch gegen „die Verhältnisse“ kämpfen, gegen Intrigen und Verrat, stalinistischen Terror und kommunistische Heuchelei. In Kolyma ist Demidow drei Jahre älter, Stalin längst tot und eine neue Führungsriege im Kreml an der Macht. Die Probleme sind die gleichen.

Der Kriminalist will seine Vergangenheit hinter sich lassen und wird immer wieder von ihr eingeholt. Kein Wunder, hat er sie sich doch nach Hause geholt in Form zweier Mädchen, deren Eltern von ihm verhaftet und später erschossen wurden. Während der geläuterte Mörder auf der Suche nach Vergebung mit seiner Frau heile Welt spielt, hasst das ältere der Mädchen ihren Adoptivvater so sehr, dass sie sich nachts immer wieder mit einem Messer an sein Bett schleicht und davon träumt, es ihm in die Brust zu rammen.

Diese unheile Welt wird wie die ganze Sowjetunion des Jahres 1956 von Chrustschows „Geheimrede“ erschüttert. Nicht nur, dass zum ersten Mal von Fehlern, ja gar Verbrechen des großen Führers Stalin die Rede ist. Der Parteichef selbst prangert die Morde seines Vorgängers an, auch noch auf einem Parteitag der KPdSU. In dieser Tauwetterperiode erschüttert wieder eine Mordserie Moskau. Doch diesmal sind es Funktionäre des Geheimdienstes, der inzwischen KGB heißt, die wegen früherer Morde im Auftrag der kommunistischen Partei nun selbst ermordet werden. Demidows Freunde sterben, doch er selbst soll viel härter büßen: Seine Stieftochter wird entführt und soll nur freikommen, wenn er eines seiner Opfer aus Kolyma befreit.

Kolyma heißen ein Fluss und ein Gebirge am äußersten, kältesten Rand Russlands. Doch berüchtigt wurde dieser Begriff wegen der Lager, der Gulags, in die Kriminelle, deutsche Kriegsgefangene und vor allem Regimegegner gesteckt wurden. Demidow lässt sich einschleusen, wird aber bald enttarnt und von den anderen Häftlingen so gefoltert, wie sie früher gefoltert wurden. Unter abenteuerlichen Umständen, gleichermaßen verfolgt vom Regime und seinen Gegnern, gelingt ihm die Flucht, doch zurück in Moskau wird seine Tochter vor seinen Augen gefesselt in die eiskalte Moskwa geworfen. Doch das ist nicht das Ende, Demidow und seine Frau verschlägt es bis nach Ungarn, in dem gerade der Aufstand gegen das kommunistische Regime beginnt, der kurz darauf von russischen Panzern niedergewalzt wird. In der Realität kamen damals 3500 Menschen ums Leben.

Smith gelingt es wieder, eine spannende Handlung mit epochalen Ereignissen zu verbinden. Chrustschows Rede wäre ohne Stalins Tod nicht denkbar gewesen und der Aufstand in Ungarn war wiederum eine Folge der Rede, die Offenheit verhieß, wenn auch in homöopathischen Mengen. „Kolyma“ soll kein Sachbuch sein, ist es auch nicht. Dennoch hätte vielleicht jemand, der sich mit dem Militär auskennt, noch einmal das Manuskript lesen sollen. Spannend ist Smiths Buch dennoch. Vielleicht liegt es daran, dass sich der Leser auch ein halbes Jahrhundert nach der „Kolyma“-Ära noch Korruption, Intrige, menschenunwürdige Straflager und ein System fernab von Rechtsstaat und Demokratie in Russland vorstellen kann.

Tom Rob Smith

Kolyma

DuMont Buchverlag, Köln

473 Seiten, Euro 19,95

ISBN 978-3-8321-8089-8

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