Knoche: Verlust in Köln ist „dramatisch“

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Deutsche Presse-Agentur

Für Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, ist der Verlust des einzigartigen Archivguts in Köln eine „Heimsuchung von biblischem Ausmaß“.

Es sei nach dem Elbe-Hochwasser in Dresden und dem Brand seiner Bibliothek innerhalb weniger Jahre „ein neuer dramatischer Verlust unserer nationalen Überlieferung“, sagte Knoche in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Ich habe so das Gefühl, dass die Öffentlichkeit die Katastrophe zwar wahrnimmt, aber noch nicht die Dimension.“

Beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs seien unwiederbringliche Unikate aus tausend Jahre Geschichte in den „Höllenschlund“ gerutscht. In Weimar seien zu 95 Prozent gedruckte Bücher verloren gegangen, deren hoher Wert vorrangig in ihrer Zusammenstellung und in der Geschichte des Hauses begründet war, sagte Knoche. Vieles davon könne - wenn auch mit hohen Kosten und über lange Zeit - wiederbeschafft oder restauriert werden. „Das Ausmaß in Köln ist um ein vieles höher und schlimmer.“

Der Germanist und Bibliothekar appellierte an Politiker, Kulturveranwortliche und Öffentlichkeit, verantwortungsbewusster mit Schriftgut umzugehen und Restaurierungen, Sanierungen oder Neubauten nicht auf die lange Bank zu schieben. „Auch bei uns hat es zehn Jahre zu lange gedauert“, erinnerte der Germanist und Bibliothekar an die Weimarer Brandkatatrophe im September 2004.

Schriftliches Kulturgut ist laut Knoche „nicht so im Bewusstsein der Menschen wie Baudenkmale oder Kunst“. Es müsse aber ebenfalls als Denkmal höchsten Ranges angesehen werden, mahnte Knoche. Um diesen Prozess zu fördern, hätten sich 14 große Bibliotheken und Archive zu einer „Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes“ zusammengeschlossen, neben Weimar unter anderem die Staatsbibliothek Berlin, die Sächsische Landesbibliothekt Dresden und das Bundesarchiv in Koblenz.

„Die Allianz will eine Denkschrift herausgeben und diese Bundespräsident Horst Köhler überreichen. Knoch kritisierte, dass das Thema nur als Landesangelegenheit betrachtet werde: „Wir müssen deshalb ein nationales Konzept entwerfen, um aus dieser "Länderwurschtelei" herauszukommen.“

Der 57-Jährige plädierte für eine nationale Koordinierungsstelle und zentrale Restaurierungswerkstätten wie sie in Frankreich, Großbritannien, Niederlande oder der Schweiz selbstverständlich seien. „Bei uns arbeitet jede Institution für sich und - mit Ausnahme der großen Bibliotheken in Berlin und München - fallen viele durch die Maschen der Länderhoheit“, beklagte er. Solch wichtigen Einrichtungen wie die Universitätsbibliothek Erfurt/Gotha (Thüringen) seien beim Erhalt ihrer Buchschätze völlig überfordert.

Der Bau von sicheren Depots wie sie die Anna Amalia Bibliothek jetzt hat, ist für Knoche eine Möglichkeit, das wertvolle Schriftgut für die Zukunft zu bewahren. Aber manchmal müssten diese Institutionen an ihrem alten Platz bleiben, „weil sie nur dort ihre Faszination haben“. Das Stammhaus der Weimarer Bibliothek mit dem wiederhergestellten Rokokosaal sei so ein Beispiel.

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