Kleiner als die Norm: Wachstumsstörungen früh behandeln

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Deutsche Presse-Agentur

Der Stuhl ist so hoch, dass die Füße nicht auf den Boden reichen. Der Hörer in der Telefonzelle ist weit weg. So sieht die Welt aus der Perspektive eines Kleinwüchsigen aus.

Zwischen 80 000 und 100 000 Menschen in Deutschland werden im Erwachsenenalter nicht größer als 70 bis 150 Zentimeter, so die Schätzung des Bundesverbandes Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien (BKMF) in Bremen. Dabei sind zumindest einige der rund 450 Formen von Kleinwuchs behandelbar.

Wie groß ein Mensch wird, hängt von vielen Faktoren ab: „Zu 85 bis 90 Prozent bestimmen die Gene die endgültige Körpergröße“, erklärt Dirk Schnabel, Spezialist für Wachstumsprobleme bei Kindern an der Charité in Berlin. Ein Kind, dessen Eltern beispielsweise 170 Meter messen, wird daher nie ein Himmelsstürmer werden. „Aber auch der Ernährungsstatus, die Gesundheit, psychologische Faktoren, Stoffwechselprozesse sowie Hormone spielen eine Rolle.“ Im Kindesalter sind das die Wachstums- und Schilddrüsenhormone, ab Pubertätsbeginn die Östrogene bei Mädchen und Testosteron bei Jungen.

Natürlich gibt es Spätzünder, die erst in der Pubertät in die Länge schießen. Doch mit der Devise „abwarten, der wächst schon noch“ wird möglicherweise wertvolle Zeit verschenkt. Je früher eine Wachstumsstörung erkannt wird, umso besser. Dabei wird zunächst zwischen disproportioniertem und proportioniertem Kleinwuchs unterschieden. „Bei disproportioniertem Kleinwuchs sind die Körperproportionen verändert, meist sind die unteren Extremitäten verkürzt“, erläutert Schnabel. „Diese Formen des Kleinwuchses sind angeboren und können nur sehr schwer behandelt werden.“ Die Patienten leiden vor allem ab dem Erwachsenenalter häufig unter Rückenschmerzen, Gelenkveränderungen und -schmerzen.

Häufiger sind nach Einschätzung von Prof. Gudrun Rappold, Direktorin der Abteilung Molekulare Humangenetik am Universitätsklinikum Heidelberg, die Fälle, bei denen das Wachstum der Extremitäten proportional zu dem der Körperlänge verläuft. Erweisen sich dann gesundheitliche Schwächen wie Niereninsuffizienz oder ernährungsbedingte Faktoren als Ursache für die Wachstumsstörung, können diese gezielt behandelt werden. Bei hormonellen Störungen lässt sich der Hormonhaushalt ausgleichen.

„Die weitaus meisten Fälle sind jedoch durch genetische Fehler oder Mutationen bedingt“, sagt Rappold. Krankheitsbilder wie das Ulrich-Turner-Syndrom können durch die Verabreichung von zusätzlichen, gentechnisch hergestellten Wachstumshormonen behandelt werden. „Das wird mittlerweile auch bei anderen genetischen Erkrankungen versucht. Allerdings reagieren die Patienten nicht immer darauf.“ Eine solche Hormontherapie muss lange vor der Pubertät beginnen: Dann sind die sogenannten Wachstumsfugen an den Knochenenden noch geöffnet, wo sich die Zellen teilen und für das Längenwachstum der Knochen sorgen.

Trotz aller Weiterentwicklungen gerade im Bereich der Genetik - viele Kleinwüchsige und ihre Familien müssen mit dieser Diagnose leben. „Neben allen praktischen Problemen bedeutet das auch eine enorme psychische Belastung“, sagt Karl-Heinz Klingebiel, Gründer des BKMF. Kleinwuchs sei auf den ersten Blick erkennbar, doch viele Leute wüssten nicht, dass es eine Krankheit ist. „Sie haben Fabelwesen wie Zwerge oder Liliputaner im Kopf und nehmen die Betroffenen nicht ernst.“ Ein Hauptziel des Verbandes ist deshalb, Eltern im Umgang mit der Krankheit zu stärken, damit sie ihre Kinder stärken können.

Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien: www.bkmf.de

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