Kassen-Dschungel: Wie der Fonds wirkt

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Deutsche Presse-Agentur

Lounges statt Wartezimmer, Extra-Checks für Schüler oder schnelle Facharzttermine - nach all dem erbittertem Streit über den Gesundheitsfonds bringen die Umwälzungen bei der Krankenversicherung nun positive Nachrichten für die 70 Millionen Versicherten.

Doch schon gibt es neue Kritik: Verbraucherschützer warnen vor Chaos im Gesundheitsdschungel. Im Ressort von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) gibt man sich gelassen. Weil alle seit dem 1. Januar den gleichen Einheitsbeitrag von derzeit 15,5 Prozent zahlen müssen, fällt der Preiswettbewerb weg. Zusatzbeiträge von bis zu einem Prozent des Einkommens erwarten Branchenkenner ab Mitte des Jahres. Doch Kassen verschärfen schon den Service- und Leistungswettbewerb und rühren dafür die Werbetrommel.

Maximale Wartezeit von 30 Minuten in einer Lounge mit Internetanschluss nach vergleichsweise schneller Terminvergabe will die Techniker Krankenkassen in zwölf Versorgungszentren bieten. Die Gmünder Ersatzkasse ergänzt die elf üblichen Vorsorgeuntersuchungen für Minderjährige von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr um drei weitere Gesundheits-Checks.

Versicherungsexperten loben die AOK für ihren Service mit Geschäftsstellen und Onlineberatung. Auch Barmer-Sprecherin Susanne Uhrig sagt: „Man kann bei uns zusätzlich zur Beratung vor Ort alles übers Internet abwickeln.“ Versicherte profitierten zudem von Verträgen mit dem Berliner Polikum. Die DAK setzt unter anderem verstärkt auf eine bessere Versorgung bei Frühgeburten, so Sprecher Jörg Bodanowitz. Die Kaufmännische Krankenkasse kooperiert für privaten Zusatzschutz mit der Allianz. „Die einen legen Wert auf ein Einzelzimmer im Krankenhaus, für andere ist es wichtig, Kosten für Zahnersatz oder Brillen erstattet zu bekommen“, sagt Vorstandschef Ingo Kailuweit.

Kritischer wird es bei den vielen Wahltarifen, bei denen Versicherte den Schaden teils selbst tragen müssen - zumal damit eine dreijährige Vertragsbindung einhergeht. „Vorsichtig muss man sein, wenn man sich zu lange bindet“, sagt der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Stefan Etgeton. Schließlich könnte die Kasse ja in dieser Zeit plötzlich Zusatzbeiträge erheben.

Dazu kommen Hausarzttarife, Chronikerprogramme oder Angebote mit der Übernahme von Naturheilverfahren. Etgeton warnt vor einer „Gefahr der Unübersichtlichkeit“. Kassenratgeber im Internet erlebten einen Boom. Doch das Dickicht zu durchschauen, bleibt schwer. „Da müssen wir zu vergleichbaren Angeboten kommen“, fordert Etgeton. „Es ist eine Zumutung, wenn man einfach krankenversichert sein will und dafür einen Aufwand betreiben muss, wie man ihn bereits für Telefonanschlüsse aufbieten muss“, sagt Ulrike Steckkönig, Versicherungsexpertin der Stiftung Warentest.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) betont dagegen die Vorteile des Fonds-Zeitalter: Einen „offenen Wettbewerb um die beste Versorgung“ habe der Fonds gebracht. Auf die Mahnungen der Verbraucherschützer reagiert eine Ministeriumssprecherin kühl: „Die Kassen werben verstärkt mit ihrem Service und ihren Leistungen - das ist eine positive Wirkung des Fonds.“

Allerdings gibt es auch Einschnitte. Bereits seit Monaten warnen Gesundheitsökonomen: Niemand will bei Zusatzbeiträgen der erste sein - und deshalb sparen die Kassen. Wellen geschlagen hat im vergangenen Jahr, dass die DAK die Übernahme von Reiseschutzimpfungen gestrichen hat und die Barmer nun ihr Hausarztprogramm auslaufen ließ. Praxisgebühr muss man bei vielen Kassen auch bei stärkerer Hausarztbindung wieder zahlen.

Verbraucherschützer raten zu Hartnäckigkeit. „Die Versicherten sollten bei Kliniken die erwünschten Leistungen nachfragen“, sagt Steckkönig. Auch Etgeton ruft die Kunden auf, „bei der eigenen Versicherung aktiv nachzufragen, was sie bietet“.

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