Kadra träumt von einem Leben als Lehrerin

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Redaktionsleiter

Kadras Schultag in Bedada beginnt an guten Tagen mit einer Schale Gemüsebrei, den Mutter Maftuha Gibril für sich und ihre sechs Kinder zubereitet hat. Die Feuerstelle befindet sich in der verrußten Hütte, in der nicht nur die Familie die Nacht verbringt. Zwei Ziegen blöken, eine trächtige Jungkuh scharrt mit den Klauen, eine Henne gackert. Vater Abdullah Mumatschli steht an diesem Morgen gar nicht auf. Chronische Gastritis und eine Wurmerkrankung setzen ihm zu. „Er kann kaum noch arbeiten“, klagt seine 30-jährige Frau, die sehr viel älter aussieht. Faria, mit zwölf die älteste Tochter, geht tagein tagaus der Mutter zur Hand, Klasse vier in der Dorfschule war ihr letztes Schuljahr. „Wir können es uns nicht leisten, sie auf eine weiterführende Schule zu schicken, wir haben kein Geld“, murmelt die Mutter leise und zeigt auf ihre nackten Füße. „Ich musste Kadra Schuhe kaufen.“

Kleine Schrift hilft beim Sparen

Kadra schultert ihre Habseligkeiten, eingebunden in ein Tuch, und macht sich auf den zehnminütigen Weg in die Dorfschule. Sie lacht, sie freut sich auf den Tag, „ich lerne gerne“. Ihr gefällt das Raunen in den übervollen Klassenzimmern. Sie kennt nichts anderes als diese dunklen, muffigen Räume, in denen die Kinder zum Teil auf dem Boden kauern. Schulbänke fehlen, die Kinder halten ihre Blöcke auf den Knien. Sie haben es sich angewöhnt, sehr klein zu schreiben, dann halten die Hefte länger. Wer in den hinteren Reihen sitzt, tut sich an trüben Tagen schwer, den Tafelanschrieb zu entziffern. Fast entschuldigend sagt Rektor Beley Derersa: „Wir haben ja keine andere Wahl, aber wir dürfen nicht aufgeben. In der neuen Schule wird alles besser. “

Auch Kadra hat gehört, dass Karlheinz Böhm mit seiner Stiftung „Menschen für Menschen“ bald schon beginnen wird, eine Schule in dem kleinen Dorf zu errichten. Das Lernen soll dann leichter fallen. Verlegen zupft sie an ihrem zusammengeflickten roten Kleidchen, kauert sich nach Schulschluss vor der armseligen Hütte neben ihre Mutter und erzählt von ihrem Traum: „Ich will Lehrerin werden. Ich möchte es so weit bringen, dass ich Geld verdienen kann. Ich möchte, dass mein Vater sich einen Arzt leisten kann. Ich möchte meine Mutter entlasten. Ich möchte, dass wir in einem besseren Haus wohnen können.“ Kadra möchte später auch in Bedada arbeiten, „ich will nicht für immer weg, wir gehören zusammen“.

Die Mutter nickt, sie ist stolz auf die zweitälteste Tochter und sorgt sich zugleich, was mit den vier noch jüngeren Kindern geschehen soll. „Alle sollen die Chance bekommen, Lesen und Schreiben zu lernen. Wir konnten das nicht. Aber schon für ein Kind reicht es kaum. Ich habe tagelang Holz gesammelt und auf dem Markt verkauft für Kadras Bücher.“ Der Erlös reichte zwar nicht aus, aber für Härtefälle haben Rektor Derersa und seine Kollegen einen kleinen Fonds angelegt. „Ich bringe es nicht übers Herz, die Kinder abzuweisen. So helfen wir zusammen, so gut es geht.“

Vorfreude auf helle Räume

Männer wie Beley Derersa, sein Stellvertreter Magersa Etschugu oder die Lehrerin Almaz Atanave haben es sich zum Ziel gesetzt, trotz aller Widrigkeiten diesen Flecken Erde nicht aufzugeben. Leicht fällt das nicht. Etschugu schildert, dass es beispielsweise durchaus vorkommen kann, dass Schlangen in die Klassenräume eindringen. „Die Kinder sind dann abgelenkt, und bis wieder Ruhe herrscht, vergeht viel Zeit.“ Er freut sich auf helle Räume, mit seinen 26 Jahren hat er bislang nur in Bedada im Dunkeln unterrichtet: „Die Arbeit wird uns leichter fallen.“ Immerhin gibt es mittlerweile auch die Zusage der regionalen Schulbehörde, dass nach dem Neubau die Lehrerzahl erhöht wird. Etschugu: „Wir müssen viel improvisieren, irgendetwas fehlt immer.“ Vor allem das Gefühl, überhaupt wahrgenommen zu werden. Der zornig gewordene Lehrer beklagt sich, dass sich seit zwei Jahren kein Vertreter der Behörde gezeigt hat. „Erst die Menschen der Stiftung haben etwas in Gang gebracht.“ Zu seinem Alltag gehört auch, dass er einmal im Monat einen freien Nachmittag damit verbringen muss, in der drei Stunden Fußmarsch entfernten Kreisstadt sein Gehalt von umgerechnet 45 Euro abzuholen. Die Hälfte gibt er meist umgehend aus, um sich mit dem Nötigsten einzudecken, „denn die Versorgungslage im Dorf ist schlecht“.

Kadras Mutter wäre froh, sie hätte annähernd so viel Geld. „Manchmal gehen wir hungrig zu Bett. Auch das schwächt uns. Ich bete jeden Tag, dass nicht wieder ein Kind erkrankt. Beim letzten Mal mussten wir sogar unser Werkzeug als Pfand zurücklassen, weil wir die Medizin nicht bezahlen konnten.“ Tadschuddin, ihr Zweijähriger, litt an starken Kopfschmerzen. „Das sind dann die Tage, an denen ich darauf angewiesen bin, dass Kadra nach der Schule mithilft.“ Beim Wasserholen, auf dem kleinen Feld, beim Sammeln von Kräutern.

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