Junge Menschen wollen digitalere Politik

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Ann Cathrin Riedel (FDP) im  Gespräch (links).
Prof. Klaus Meier, Ann Cathrin Riedel, Moderatorin Andrea Pauly, Dimitrios Argirakos und Philipp Riederle (von links) im Gespräch. (Foto: DANIEL DRESCHER)
Crossmedia-Volontärin

Junge Menschen wollen sich eine Partei genauso aussuchen wie ein Handy: Farbe und Speicherplatz symbolisieren hier Parteiprogramme und Informationsangebot.

So hat Philipp Riederle, 1994 geboren, veranschaulicht, was die sogenannte Generation Y der 20- bis 30-Jährigen will, wenn es um Politik geht. Das hat der Unternehmensberater für digitale Kompetenzen bei der BBF-Podiumsdiskussion zum Thema „Wie erreicht man die Generation Y“ erklärt. „Unsere Generation tut sich schwer, sich bei einer Partei wiederzufinden. Wir suchen uns eher Themen und wollen uns für diese einsetzen.“ Ein Beispiel dafür seien die Fridays-for-Future-Demos.

Wie können Parteien und Parlamente aussehen, damit sie die „Millennials“ erreichen? – Das wollte Moderatorin und Digitalredakteurin der „Schwäbischen Zeitung“ Andrea Pauly von ihren Gästen wissen. Mehr als 100 waren gekommen, sowohl jung als auch alt, Schüler und Rentner.

Denn dass die jungen Menschen sich wieder für Politik interessieren, steht für Riederle außer Frage. In einer Präsentation verwies er auf eine Shell-Jugendstudie, wonach das Politikinteresse von 2002 bis 2015 um über zehn Prozent gestiegen ist. 

Dass Politiker von dem YouTuber Rezo, der mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ Millionen junge Menschen angesprochen hat, noch vieles lernen können, sagte Ann Cathrin Riedel, Vorsitzende des Vereins LOAD für liberale Netzpolitik und FDP-Politikerin. „Wir haben es bis heute nicht geschafft, uns mit den Begriffen der Jugend auseinanderzusetzen.“

Denn die Reaktion der CDU auf das Video, das mittlerweile mehr als 16 Millionen Abrufe hat: Eine zwölfseitige PDF-Datei. Philipp Riederle meint dazu: „Es wäre im ersten Schritt gut gewesen, sich für das Interesse und die Auseinandersetzung mit der Partei zu bedanken.“

Dass die CDU mit ihrem Kanal „CSYou“ versucht hat, Rezo „zu kopieren“, war für Klaus Meier, Professor für Journalistik an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, jedenfalls nicht die richtige Lösung. „Damit verlor die Partei ihre Authentizität“, sagte er. Denn eben diese, die Transparenz und das Erklären, seien die großen Stärken von Rezo gewesen.

Laut Dimitrios Argirakos, Gründer des renommierten Webvideopreises, Jurist und Geschäftsführer bei Rico Jones, liegt das Problem, dass junge Menschen selbst nicht als Politiker aktiv sind, an der Struktur der Karriere. „Die hat nichts mit dem Leben der jungen Leute zu tun“, sagte Argirakos. „Die jungen Menschen machen ‚Work and Travel‘ in Australien.“ Dazu passe nicht, sich in der Kommunalpolitik mit Plakatekleben und Präsenz in den Ortsverbänden zu engagieren.

Dem stimmte Riederle zu. Er sieht außerdem ein Problem darin, dass klassische Parteikarrieren nicht mehr zur Lebensführung der jungen Generation passen. „Wer alle zwei Jahre umzieht, auch mal im Ausland lebt, der fasst in keinem Ortsverein Fuß. Und entgeht der Chance, mitzugestalten.“

Argirakos sprach sich außerdem dafür aus, mehr Wissenschaftler in die Parlamente zu setzen, die ihre Erkenntnisse aus der Forschung einbringen können. Ann Cathrin Riedel widersprach: „Dennoch muss ein Parlament eine Bandbreite abdecken. Schließlich hat ein Wissenschaftler andere Probleme als eine Hausfrau.“

Wo sich alle einig waren: Die Parteien müssen digitaler werden. Riederle wünscht sich bessere Veranschaulichung auf den Webseiten der Parteien und die Möglichkeit der Interaktion und Mitgestaltung.

Das wünscht sich auch Antonio Hertlein, einer der Zuschauer bei der Podiumsdiskussion. Er ist politisch aktiv: Der 17-Jährige aus Ravensburg ist im Kreis- und Ortsverband der SPD. Einmal im Monat geht er zum Stammtisch. „Ich finde den Stammtisch wichtig, um mit anderen zusammenzukommen“, sagte er. „Man sieht sich und kann diskutieren.“ Trotzdem finde er auch, dass seine Partei digitaler werden muss. „Dann können wir uns auch besser vernetzen“, sagt Hertlein.

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