Junge Arbeitslose spielen Theater

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Deutsche Presse-Agentur

Einen ungewöhnlichen Ein-Euro-Job haben 20 junge Arbeitslose seit vergangenem Sommer in Braunschweig. Die Jugendlichen erarbeiten ein Theaterstück - das „Gauklermärchen“ von Michael Ende.

Am 13. Februar stand die Premiere der Inszenierung in der Musischen Akademie des Christlichen Jugenddorfs (CJD) Braunschweig auf dem Plan. Das Pilotprojekt soll den jungen Männern und Frauen im Alter von 18 bis 26 helfen, auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Und tatsächlich: Mehr als die Hälfte treten im Anschluss eine Ausbildung an oder qualifizieren sich weiter.

Der Ein-Euro-Job erforderte ein großes Maß an Kreativität und Disziplin: Bühnenbild, Choreographie, Musik, Schauspiel - für alle Bereiche waren die Jugendlichen zuständig. Lange wurden Choreographie und Texte geprobt. „Anfangs kam mir die Sprache ziemlich unnatürlich vor“, berichtet Alberto. Der 18-jährige Italiener, der 2002 nach Deutschland kam, ist nicht der einzige, der mit dem in Versen geschriebenen Stück seine Schwierigkeiten hatte.

Auch Arbneta, die aus einer albanischen Familie stammt, hatte viele Begriffe noch nie zuvor gehört. Niemals hätte sich die 21-Jährige, die eine Ausbildung zur Kinderpflegerin abgebrochen hat, freiwillig eine tragende Rolle ausgesucht. Doch die Gruppe traute ihr, der Schüchternen, die Rolle der hochnäsigen Kalophain zu. „Ich kann mal ganz anders sein“, sagt Arbneta. Das in sie gesetzte Vertrauen macht ihr Mut. Im zweiten Anlauf will sie nun ihre Pflegeausbildung packen. Parallel zur Berufsschule wird sie ihren Realschulabschluss machen.

Alberto, der unter anderem den Chef der Gauklerbande spielt, hat nicht nur gelernt zu jonglieren, sondern auch Emotionen nach außen zu tragen. Heimisch will er auf der Bühne nicht werden. Ein Blick auf seine Kostümentwürfe zeigt: Seine Stärke liegt im zeichnerischen Bereich. Er wird nach dem Theaterprojekt an die Fachoberschule für Gestaltung gehen. Seine Bewerbungsmappe für ein Jahrespraktikum liegt inzwischen beim Staatstheater.

Auch Steven konnte sein musikalisches Talent in dem Projekt ausleben. Am Keyboard hat er Teile der Begleitmusik entworfen, oder besser „programmiert“ wie er sagt. Nach der Schule ist der heute 23-Jährige auf die schiefe Bahn geraten. Die Ein-Euro-Jobs haben ihn nicht gefordert: „Ich hab die Dinge schleifen lassen“. Von Drogen und psychischen Problemen ist die Rede. Beim Theaterprojekt war er regelmäßig und pünktlich und hat sogar eine Kürzung seiner Zuwendung in Kauf genommen, um dabei sein zu können. Auch er hat eine Hauptrolle, spielt den Bösewicht Agramain.

Die Sozialpädagogin vom Beschäftigungsbetrieb, Emsal Brodkorb, sagt: „Sie haben enorme Entwicklungen gemacht. Sie zeigen Teamgeist, haben gelernt diszipliniert zu arbeiten, Kritik anzunehmen, sich realistische Ziele zu setzen und vor allem sich selbst nicht als Verlierer zu sehen.“ Den Betreuern von der Musischen Akademie, unter ihnen eine Musik- und eine Theaterpädagogin, eine Kunsterzieherin und eine Choreografin, sei es gelungen, verborgene Talente wach zu kitzeln, Gefühl für Sprache zu vermitteln und das Selbstbewusstsein zu stärken. Damit ist die Einrichtung des Christlichen Jugenddorfes auch ihrem Motto treu geblieben, sie nennt sich „Die Chancengeber“.

Der Geldgeber, die für Ein-Euro-Jober zuständige ARGE, erwägt das Projekt in diesem Jahr neu aufzulegen: „Wenn Jugendliche, die zu Beginn Schwierigkeiten hatten sich zu äußern und zu präsentieren, dies nun können und sogar gefestigt neue Ausbildungen anstreben oder sich weiterqualifizieren möchten, so ist dies ein Erfolg“, sagt ARGE- Geschäftsführer Jörg Hornburg. In seinen Augen wurde das Ziel der Ein-Euro-Maßnahme, die Persönlichkeit der Jugendlichen zu stabilisieren, erreicht. Es habe inzwischen Anfragen anderer Einrichtungen und Kommunen gegeben, die ähnliche Projekte anstreben.

Weitere Infos: www.musische-akademie.de

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