"Kinderrechte sollten im Grundgesetz verankert sein", sagt Mabel Engler, Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes Ortsverban (Foto: Jasmin Bühler)

Für Mabel Engler, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Biberach, sind Kinder der Mittelpunkt der Gesellschaft – und müssen daher besonders geschützt werden. Im Interview mit SZ-Volontärin Jasmin Bühler spricht die Kinderschützerin und Mutter zweier Söhne über Kinderrechte, Gewalt in der Erziehung und Hilfsangebote für Familien.

Frau Engler, am 20. November 1989 wurde die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Finden in Deutschland die Kinderrechte genügend Berücksichtigung?

Um wirklich genügend Berücksichtigung zu finden, müssten die Kinderrechte im Grundgesetz verankert sein. Denn Kinder sind die schutzlosesten Geschöpfe überhaupt. Und erst durch die gesetzliche Festschreibung hat jedes Kind das unanfechtbare Recht, ein Kind zu sein – mit allen Freiheiten, die dazugehören. Aber auch wenn es in Deutschland bislang kein entsprechendes Grundrecht gibt, so darf man nicht vergessen, dass die Kinderrechte hier mehr geachtet werden als in vielen anderen Ländern.

Ist Kindesvernachlässigung auch in Biberach ein Thema?

Benachteiligte Kinder gibt es in Biberach genauso wie überall auf der Welt. Die Frage ist allerdings, wo Vernachlässigung anfängt. Ein Kind, das von seinen Eltern anstatt Zuneigung ein Pony geschenkt bekommt, wird unter Umständen emotional genauso vernachlässigt wie ein Kind, das körperlich misshandelt und geschlagen wird. Kindesvernachlässigung geht durch alle Gesellschaftsschichten. Und was die Gewalt in Familien angeht, so gibt es in Biberach prozentual vielleicht weniger Fälle als in Berlin, aber ganz ehrlich: Dem Kind, das geschlagen wird, ist es egal, ob es 10 oder 10 000 ähnliche Fälle gibt – es leidet immer.

Wie kann man Kindern den notwendigen Schutz bieten?

Kinderschutz fängt schon vor der Geburt bei der Unterstützung der Eltern an und geht dann weiter über Krabbelgruppe und Kindergarten bis hin zur Schulzeit. In allen Fällen gibt es jedoch Verbesserungsbedarf: Die Eltern brauchen schon frühzeitig unverbindliche Hilfsangebote, damit sie wissen, an wen sie sich wenden und von wem sie Hilfe erwarten können. Außerdem muss man ihnen die Schwellenangst vor Behörden und Ämtern nehmen. Kinderschutz muss allgegenwärtig sein und nicht erst zum Thema werden, wenn Kevin in der Tiefkühltruhe gelandet ist.

Wo gibt es beim Kinderschutz derzeit noch Probleme?

Es muss eine bessere und flexiblere Zusammenarbeit zwischen den Institutionen geben. An erster Stelle muss immer das Wohl des Kindes stehen. Die institutionellen Abläufe sind bislang noch zu bürokratisch und die Vorschriften zu starr. Zum Beispiel können Ärzte, Jugendämter, Lehrer, Sozialpädagogen, etc. nicht miteinander reden, weil sie an Schweigepflicht und Datenschutz gebunden sind. Der Kindesvernachlässigung kann so oft nicht rechtzeitig gegengesteuert werden.

Welchen Herausforderungen steht der Kinderschutzbund Biberach in Zukunft gegenüber?

Wir wollen stärker politisch aktiv werden und uns noch mehr für die Kinderrechte einsetzen. Zudem wollen wir unsere Projekte, wie „Starke Eltern – Starke Kinder“, noch bekannter machen. Und auch unsere Gespräche mit der Stadt Biberach hoffen wir fortsetzen zu können, damit wir unsere Angebote auch auf die Ganztagesschulen ausweiten können.

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