Jazz trifft auf russische Nostalgie

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Christel Voith

Von wegen, dass die Brüder, die Irina Klischewetzki aus dem tiefsten Sibirien mitgebracht hat und die mit ihr zusammen als „Die Klischewetzkis“ den Rittersaal romantisch dahinschmelzen lassen und schließlich zum Kochen gebracht haben, alles schlichte Dorfmusikanten seien, denen man ja nicht in die Augen schauen soll. Im Gegenteil. Ein hochkarätiges Jazzensemble hat die im sibirischen Irkutsk geborene Schauspielerin und begnadete Jazzsängerin Genija Rykova, die am Münchner Residenztheater zu Hause ist und in zahllosen Filmen und Tatorten mitwirkte, mitgebracht. Saxofonist und Klarinettist Alexander von Hagke, der auch Mathematik studiert und IT-Bücher geschrieben hat, leitet eigene Jazzensembles und spielt bei den Münchner Philharmonikern, Pianist Tizian Jost ist Dozent an der Musikhochschule München, Cellist Eugen Bazijan konzertiert als Solist und Kammermusiker, ist Komponist und Arrangeur fürs Residenztheater und die Münchner Kammerspiele. Auch Schlagzeuger Josy Friebel wurde schon früh als Stern am Jazzhimmel gehandelt.

Man findet die Musiker unterschiedlichen Jazzformationen und eben auch als „Die Klischewetzkis“ mit Irina alias Genija Rykova als Power-Frontfrau.

Spiel mit russischen Klischees

„Lässig und frech - Jazz trifft auf russische Nostalgie“ stand im Untertitel und traf genau den Abend. Die Schauspielerin, dem „Bühnendeutsch“ mächtig, gibt ihrer Kunstfigur „Irina“ einen kräftigen russischen Akzent mit, ein Suchen nach den passenden Worten für das angesagte Lied, die wieder neue Assoziationen mitschwingen lassen. Wie der Name schon sagt, bedienen sie vergnügt die gängigen Russen-Klischees. Nicht nur, dass „Irina“, die rasch ihren züchtigen Pelzmantel hat fallen lassen und im rückenfreien Minikleid dasteht, ständig zur Wodkaflasche greift – nein, nach der Pause lässt sie auch im Publikum Wodkaflaschen samt Stamperl kreisen, dazu ein dickes Glas Essiggurken und Tüten mit Knabbereien. Sie guckt, wie lebhaft es in den vorderen Reihen wird, während die hinteren brav sitzen bleiben: „Fast russische Mentalität: Sitzen, Warten und Hoffen auf bessere Zukunft“, lautet ihr Kommentar.

Darüber sei die Musik nicht vergessen, ein Jazz, der träumen lässt oder aufheizt, Soli, die immer neuen Zwischenapplaus hervorrufen, und mittendrin die Sängerin mit wunderbar geschmeidiger, farbenreicher Stimme, stimmig begleitet von Saxofonen oder Klarinette oder Piano. Auch wenn die Romantik, die Melancholie in den Liedern mit Augenzwinkern angesagt wird, dürfen sie ihre Wirkung voll entfalten. Mit Honigmäulchen singt Genija Rykova das „Mir ist ...kalt“, voller Melancholie das Lied „Durch den weißen, tiefen Schnee“. Natürlich dürfen auch Parodie und heißes Temperament nicht fehlen. Und immer sind da die Erinnerungen an die Großmutter, die Babuschka, und ihre markigen Sprüche: „Wenn wir nur hätten etwas zu essen – die Zähne finden sich schon...“ Zuweilen dürfen wie im Lied „Dam, Ne Dam“ auch die „Brüder“ mitsingen.

Dass Genija Rykova, die hier so ganz in ihrem Element erscheint, auch ganz anders kann, erleben die begeisterten Zuhörer in den Zugaben „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ oder Marilyn Monroes „I Wanna Be Loved by You“.

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