Jüdisches Museum Hohenems blickt in neuer Ausstellung hinter die Fassade von Tel Aviv

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 Die israelische Hafenstadt Tel Aviv ist als tolerante Partystadt bekannt – und für ihr Weltkulturerbe der weltgrößten Ansammlun
Die israelische Hafenstadt Tel Aviv ist als tolerante Partystadt bekannt – und für ihr Weltkulturerbe der weltgrößten Ansammlung von Bauhaus-Architektur. (Foto: Peter Loewy)
crossmedia Volontärin

Als weltoffen und lebensfroh, Stadt der Kreativen und als Oase im Nahost-Konflikt: So präsentiert sich die israelische Metropole Tel Aviv. Die als „weiße Stadt“ mit der weltgrößten Ansammlung an Bauhaus-Architektur und einer toleranten Party-Szene bekannte Stadt am Mittelmeer zieht jedes Jahr Massen von Touristen an. Dass hinter diesem Image jedoch nicht unbedingt eine historische Wahrheit steckt, sondern meist nur das Geschick von Marketingleuten, möchte das Jüdische Museum Hohenems in seiner neuen Ausstellung zeigen.

Die Strategie, die Tel Aviv schon sehr lange anwendet, nennt man „City-Branding“ . „Das macht fast jede Stadt. Man könnte diese Geschichte auch über New York, Wien oder Hohenems erzählen“, meint Museumsdirektor Hanno Loewy. Die Ausstellungsmacher haben Tel Aviv ausgewählt, um die Besucher mit auf einen Rundgang zu nehmen und dabei schonungslos den Mythos der Stadt offenzulegen. Dieser reicht bis zur Gründung der Stadt zurück.

Gründungsfoto wirft Rätsel auf

Mit einem Foto, das tausendfach reproduziert wurde, erinnert sich Tel Aviv gerne an seine Gründungszeremonie in der Wüste: 66 Familien haben sich der Erzählung nach an einer Düne versammelt, wo anschließend einzelne Parzellen per Losverfahren verteilt wurden. Doch in Wahrheit ist das berühmte Foto gar nicht zur Gründung im April 1909 aufgenommen worden, sondern bereits ein Jahr zuvor im Winter. Wer die Menschen auf dem Foto wirklich sind, ist nicht bekannt.

 Das Foto, das angeblich die Gründungszeremonie Tel Avivs in der Wüste zeigt, entpuppt sich in der Ausstellung als „Fake“.
Das Foto, das angeblich die Gründungszeremonie Tel Avivs in der Wüste zeigt, entpuppt sich in der Ausstellung als „Fake“. (Foto: Jüdisches Museum Hohenems)

Echt und ungeschönt sind hingegen die rund 500 Fotos des Frankfurter Fotografen Peter Loewy, die über 40 Bildschirme in der Ausstellung flimmern. Wenn der Besucher auf die weißen Bauhaus-Blöcke schaut, die Co-Kuratorin und Architektin Ada Rinderer als Bildträger einsetzt, ist er mitten drin in den Straßen von Tel Aviv. Beinahe im Sekundentakt wechseln die Fotos. „Die Stadt hat etwas Flirrendes“, begründet Peter Loewy, der Bruder von Museumsdirektor Hanno Loewy, das Konzept. Jeder Besucher sieht eine andere Ausstellung, ein anderes Tel Aviv.

Stadtteile wie in der dritten Welt

Loewy hat seine Kamera nicht nur auf die schmucken Ecken der Stadt gerichtet, sondern auch in die Winkel, in denen die armen Flüchtlinge leben und Häuser langsam verfallen. „Es gibt Stadtteile, wo man das Gefühl hat, man ist in der dritten Welt“, berichtet der Fotograf, der die ersten fünf Lebensjahre in Tel Aviv aufgewachsen ist. Flüchtlinge gab es in Tel Aviv damals wie heute. Vertriebene und oftmals jüdische Flüchtlinge aus Europa waren es, die das Bauhaus in die Stadt brachten, dessen 100. Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird. Doch auch Tel Avivs Bauhaus-Mythos ist nur Fassade – buchstäblich.

 Durch „City Branding“ hat sich das Image der Stadt komplett gewendet.
Durch „City Branding“ hat sich das Image der Stadt komplett gewendet. (Foto: Jüdisches Museum Hohenems)

Denn unter den vielen Bauhaus-Gebäuden seien nur einige wenige Häuser, die tatsächlich aus der Hand von Architekten stammen, die am Bauhaus gelernt haben, so Peter Loewy. „Vieles ist nur Fassaden-Architektur: Vorne sieht es nach Bauhaus aus, aber dahinter erstreckt sich nur eine lange Mietskaserne.“ Die Gentrifizierung ist auch in Tel Aviv allgegenwärtig und wird in der Ausstellung mit beinahe spöttischem Unterton dargestellt. Zwei strahlend weiße Modelle und unzählige Fotos zeigen typische Bauhaus-Gebäude. Oftmals werden sie bis zur Absurdität aufgestockt mit modernen Glasbauten.

Orangenkisten als Vitrinen

Entstanden ist die hebräische Metropole ursprünglich als Vorort der arabischen Hafenstadt Jaffa. Die ist heute nur noch ein Bindestrich-Anhängsel im Städtenamen. Eine prominentere Rolle spielt hingegen die sogenannte „Jaffa-Orange“, die als Exportschlager noch immer als Symbol für die Stadt fungiert. Kurator Hannes Sulzenbacher und Ada Rinderer haben die Jaffa-Orangenkisten aus Holz zu Vitrinen umfunktioniert, in denen Exponate und Recherchen gezeigt werden.

Dass sie kein ausschließlich negatives Bild von Tel Aviv zeichnen wollen, ist den Ausstellungsmachern wichtig. Die Besucher sollen sich selbst ein Bild machen – und erkennen, dass es manchmal nötig ist, unter die Oberfläche zu schauen – weil vieles nunmal nur Fassade ist.

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