Interview mit Professor Heinz Nagler, Freier Architekt und Stadtplaner: Es gibt nichts Nachhaltigeres als eine schöne Stadt

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Schwäbische Zeitung

Herr Nagler, wir haben Friedrichshafen zwei Tage lang gemeinsam durchkämmt. Was sind die Wesensmerkmale dieser Stadt?

Nagler: Der erste Eindruck ist die unglaubliche Lage der Kernstadt. Südlich der Bodensee, zwei Hörnchen, dazwischen eingespannt die Uferanlagen, beide Enden kräftig besetzt. Das ist erst einmal eine wunderbare Grunddisposition. Die Stadt ist gesund, sie ist übergesund, aber sie glänzt nicht. Sie hat zwar von allem viel, vielleicht zu viel, doch es mangelt an Sorgfalt. Alles, was sie an Mitteln und an gestalterischer Kraft angesetzt hat, wirkt nicht nachhaltig, nicht über den kurzlebigen Trend hinaus. Ich würde das als ein Phänomen des Neureichen bezeichnen.

Wir haben viel über öffentliche Räume in dieser Stadt gesprochen. Was ist öffentlicher Raum?

Der öffentliche Raum ist die Kerndomäne, in der wir als Städtebauer arbeiten. Er ist in der Verfügungsgewalt der öffentlichen Hand, der jeweiligen Gemeinde. Hier kann sie eine Haltung demonstrieren, denn der öffentliche Raum ist ein Abbild der Stadtgesellschaft. So wie dieser geschätzt wird oder nicht, so präsentiert er sich. Das Hauptthema des öffentlichen Raumes ist, ihn tatsächlich als ein dreidimensionales Volumen zu begreifen, das in seiner Begrenzung von Hauswand zu Hauswand geht. Von dieser Sichtweise ausgehend ist die Verteilung der Flächen und die weitere Gestaltung nachzuordnen und abzuleiten.

Hat Friedrichshafen starke öffentliche Räume?

Unbedingt ja. Auch wenn alle Plätze noch großes Verbesserungspotenzial haben. Nehmen wir als Beispiel die diagonale Anordnung der beiden Plätze vor der Canisius Kirche und vor der alten Feuerwache. Die Grundanlage ist schön – hier der kirchliche, dort der profane Raum. Als ein gestaltetes Ensemble hätte es die Möglichkeit, ein größeres Stadtgebilde zu stabilisieren und ihm ein Gewicht zu geben. Wie überhaupt die vorhandenen öffentlichen Räume immer in ein System gebracht werden müssen – sie müssen vernetzt und verknüpft werden. Doch in der jetzigen Anlage wird die interessante Übereck-Beziehung nicht klar. Auch die Achse Uferpromenade-Rathausplatz, der innere Raumkern der Altstadt, ist schwach und absolut ungenügend ausgebildet.

Sichtachsen und Wegeführungen helfen bei der Orientierung. Die Wegeführung hier ist oft konfus. Wie kann man das in einer gebauten und fertigen Stadt noch ändern?

Ich beantworte das mit einem barocken Thema: demnach gibt es Wege des Körpers und es gibt Wege des Auges. Beide sollten sich ergänzen. Wo eine Sichtachse aufgebaut werden kann, muss dies geschehen und der Weg sollte folgen. Beide Systeme müssen aufeinander abgestimmt werden. Da gibt es hier noch viel zu tun. Es gibt die Kirchtürme, die Hochhäuser und auch die Türme der Industrie als wunderbare und ganz vornehme Wegweiser, die müssen mehr genutzt werden. Ein Beispiel: die Verbindung der Katharinenstraße mit der Altstadt, das Schlupfloch durch den Bahndamm. Trotz des Aufwandes versteht man diese Wegeführung nicht. Und da sind wir bei einem der großen Probleme dieser Stadt - ihre Begrenzungen. Die Bahn wirkt auf die Kernstadt wie eine moderne Mauer und südlich kommt der See. Es wäre sinnvoll darüber nachzudenken, den Stich zum Hafenbahnhof herauszunehmen, um wenigstens eine Entwicklungsmöglichkeit nach Osten zu ermöglichen. Denn bei einer derart gefangenen Kernstadt ist die Verknüpfung mit den angrenzenden Bereichen oberstes Gebot.

Wir gehen in die umliegenden Stadtteile und finden ganz unterschiedliche Siedlungstypen. Auffallend hier die unterschiedlichen Grade an Gestaltung. Sie erwähnten das Planen von Freiheit. Was ist das und wie geht das?

Wir als Gestalter sollten einen Rahmen ziehen, innerhalb dessen ein Regelwerk formuliert wird, in dem man sich dann frei bewegen kann. Ein tolles Beispiel hierfür ist ein Schachspiel: 64 Felder, Figuren mit unterschiedlichen Fahrweisen und das phänomenale ist, dass wahrscheinlich noch nie ein Spiel wiederholt werden konnte. Es muss immer eine planerische Maxime sein, abzuwägen, wie viel festgelegt werden darf und muss, um das gewünschte Maß an Freiheit zu ermöglichen.

Was ist ein Wildschweingebiet und warum braucht eine Stadt so etwas?

So sehr eine Stadt hochwertige bauliche Ensembles braucht, an denen sie sich orientieren kann, herausragende Beispiele, Einheiten, die bereits ein Stück gefrorene Stadt sind, so sehr braucht eine Stadt auch Bereiche, die weniger reglementiert sind. In Regionen, wo die Planung nicht mehr lenken oder steuern kann, muss sie sich zurückziehen, um kreative Milieus, das Ausprobieren neuer Lebensformen, was für eine so reiche und satte Stadt wie Friedrichshafen von unglaublicher Wichtigkeit ist, zuzulassen. Eine Frage könnte lauten: Wie bekommen wir ein kreatives Potenzial in die Nähe dieses wunderbaren Sees, dieser wunderbaren Natur, ohne diese gleich zu gängeln und zu reglementieren. Doch generell können wir in dieser prosperierenden Stadt die klassische Stadtplanung im Sinne einer Lenkung, Steuerung und Willensäußerung anwenden.

Es stehen verschiedene Areale dieser Stadt nun zur Entwicklung an. Welche Potenziale sehen Sie wo?

Ausgehend von der Tatsache, dass der Hauptattraktor der Stadt die Innenstadt darstellt, sind die zentrumsnahen Bereiche jetzt vordergründig zu entwickeln. Östlicher Hafen, Güterbahnhof und auch die Brache um das ehemalige Kloster Löwental. Die Frage ist, mit welchen „Planungs-Farben“ können diese Bereiche belegt werden, welche Funktionen und Aufgaben können sie haben. Der konkrete Bedarf muss analysiert werden. Den Fallenbrunnen denke ich mir als eine Art Spielbein, als ein Joker der Stadt. Ein Selbstläufer, ein Ventil, wo die Vorgaben nicht hoch sein dürfen und das man so nach und nach voll laufen lässt.

Friedrichshafen hat große Flächen innerstädtischen Brachlandes. Was macht man damit?

Brachland zu haben ist erst einmal gut und für eine Stadt, in dieser Größe auch natürlich. Die Frage nach den unterschiedlichen Zeithorizonten, nach Bedeutungen und Prioritäten muss in einem Planungsprogramm enthalten sein. Da gibt es immer wieder Gebiete, die man einfach liegen lassen muss. Die bleiben vorerst am Rande des Blickwinkels. Wenn sich dann das jeweilige Planungsfenster öffnet, muss man seine Chance nutzen und schnell und vorbereitet handeln können, um mit seiner Planung nicht zu spät zu kommen. Denn Planungsfenster schließen sich auch wieder.

Die Stadt hat Schwierigkeiten mit ihrer Identität. Was erkennt der Städtebauer, wenn er hier durchgeht?

Wir dürfen nicht vergessen – diese Stadt ist jung. Sie ist nach dem Krieg am Stück wieder aufgebaut worden, angelehnt an ihrer alten Stadtgrundriss-Struktur und baulich in einem neuen relativ einheitlichen Geiste wieder entstanden. Wir finden einen Wiederaufbau, der über ein Hochhauskonzept verfügt, über herausragende Einzelbauten, wie das Rathausareal, der über wunderbare Straßenzüge verfügt, wahnsinnig zarte und feine Details, ohne aufdringlich zu sein. Wir finden schöne und einfache Räume, die klein parzelliert geblieben sind. Und wenn man feststellt, dass man zusammenhängende Gestaltungsinseln in der Stadt benötigt und dass die Altstadt hierbei eine solche sein kann und ein besonderes Augenmerk verdient hat, eine Haltung, die angelegt und nicht aufgesetzt ist, dann könnten die 50er Jahre ein Thema sein. Sie könnten das Thema dieser Stadt sein! Wir haben viele Details und Gebäude entdeckt, die noch sichtbar in diese Zeit gehören, mit denen man das Thema der 50er Jahre Zug um Zug ganz kräftig wieder besetzen könnte. Und dies wäre ganz wunderbar zu verbinden mit Begriffen und Attributen wie freundlich, heiter, leicht, spröde, zurückhaltend und elegant. Dieses Thema könnte zweifellos auch eine kulturelle Tragweite besitzen – vom Lebensgefühl der 50er Jahre bis hin zu den Dampfern der weißen Flotte.

Wunderschön! Könnte man das als Oberthema für alle Gestaltungsentscheidungen in der Innenstadt sehen?

Ja, bis hin zur Beschilderung und Stadtmöblierung. Man könnte mit so einem Oberthema alle Maßstabsebenen und Gestaltungsbereiche im Sinne eines interpretationsfähigen Leitfadens oder einer Gestaltungssatzung erfassen. Es wäre ein unglaubliches Alleinstellungsmerkmal für diese Stadt. Und es ist nicht aufgesetzt, es ist hier alles angelegt.

Die neu entstandenen Gebäude in dieser Stadt sind nun wahrlich keine Leuchten. Wir tun uns schwer mit dem Stil. Es fehlt ein selbstverständlicher Umgang mit Form, mit Proportion, mit Material und mit Wirkung. Uns fehlt die Baukultur.

Die Frage nach der Baukultur ist so alt wie der Beruf des Architekten. Und wir müssen immer wieder erkennen, dass gute Architektur nur mit einem guten Bauherrn möglich ist. Ein Bauherr, der nicht nach dem guten Architekten fragt, lässt keine gute Architektur entstehen. Wir Architekten müssen den Bauherrn dazu bringen, auf die Schönheit und die Eleganz seines Hauses stolz zu sein. Wir müssen die Menschen von der Nachhaltigkeit einer guten Planung überzeugen. Und Nachhaltigkeit bedeutet hier etwas, das langfristig nachgefragt wird. Das Nachhaltigste, das wir schaffen können, ist neben aller Diskussion um Energie und Ökologie, die Schönheit. Es gibt nichts Nachhaltigeres als eine schöne Stadt zu hinterlassen. Das ist ein Lebensziel.

Könnte man sich hierfür ein Beratergremium an der Seite des Baubürgermeisters vorstellen?

Selbstverständlich. Diese Gremien brauchen eine klare Zuordnung und auch Selbsterneuerungsmechanismen. Sie müssen unabhängig sein, in den wichtigen Fragen städtischer Planung beraten, aber sie müssen ihre Themen auch frei wählen und auch ungefragt Fragen aufwerfen dürfen. Mit großer und vielfältiger Erfahrung ausgestattet, sind Gremien eine wunderbare Einrichtung und ein sinnvolles Instrument, das man jeder Stadt nur wünschen kann.

Zur Person

Professor Heinz Nagler, geboren 1955, studierte Architektur in Stuttgart und in Virginia, Charlottesville (USA). Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten in Stuttgart wurde er 1994 Leiter des Lehrstuhls Städtebau und Entwerfen, Brandenburgische Technische Universität, Cottbus. Seit 1995 Leiter des Studiengangs Stadt- und Regionalplanung. Nagler hat ein Architektur- und Planungsbüro mit Jörg Esefeld. Schwerpunkte: Planungen für kommunale Auftraggeber, Stadtentwicklungsplanung, Stadterneuerung, Gestaltung öffentlicher Räume, Hochbau, partizipative Verfahren.

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