Innenminister weist Vorwürfe wegen Panne zurück

Lesedauer: 8 Min
Deutsche Presse-Agentur

Nach einer schweren Ermittlungspanne rätselt die Polizei jetzt wieder über das Motiv des Amokläufers von Winnenden. Denn anders als zunächst verkündet wurden auf dem beschlagnahmten PC des Todesschützen Tim K. keine Belege für eine Ankündigung des Blutbads im Internet gefunden.

War der Hinweis in einem Chatroom eine Fälschung? Diese ungelöste Frage belastet die Ermittlungen und sorgt für heftige Irritationen.

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) verwahrte sich am Freitag gegen Kritik, er habe vorschnell die angebliche Ankündigung des Massakers bekanntgegeben. Nun überprüfen die Ermittler, ob Tim K. von einem anderen Computer den Hinweis abgesetzt hat. Der 17-Jährige hatte am Mittwochmorgen an seiner früheren Schule und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen.

Die Beamten vernahmen zwei jugendliche Zeugen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen, die den Internet-Eintrag gesehen haben wollen. Dieser schien eine deutliche Erklärung für die unglaubliche Tat zu liefern: „Ich meine es ernst, Bernd - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.“ Weiter hieß es: „Merkt Euch nur den Namen des Orts: Winnenden.“

Nach Erkenntnissen der Polizei hatte Tim K. die psychiatrische Behandlung einer depressiven Störung vorzeitig abgebrochen. Seine Freizeit verbrachte der 17-Jährige mit Killerspielen und Horrorfilmen.

Trittbrettfahrer hielten am Freitag die Polizei in vielen Bundesländern in Atem. Zahlreiche Nachahmungstäter wurden nach Drohungen gegen Schulen festgenommen. Zumindest in einem Fall folgte die Strafe auf dem Fuß: In Remscheid (Nordrhein-Westfalen) verurteilte ein Richter am Freitag im Schnellverfahren einen 16-jährigen Hauptschüler wegen der Androhung eines Amoklaufs zu zehn Tagen Arrest. In Baden-Württemberg ergingen gegen einen 16-Jährigen aus Kippenheim und einen 20-Jährigen aus Esslingen Haftbefehle. Den Tätern drohen bis zu drei Jahre Haft und hohe Schadenersatzforderungen.

Die Diskussion über einen besseren Schutz von Schülern ging weiter. Nach Ansicht von Innen-Staatssekretär August Hanning müssen Waffen in Privatbesitz besser gesichert werden. An der Trauerfeier für die 15 Opfer des Amokläufers am 21. März wollen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Horst Köhler teilnehmen.

Rech hatte am Donnerstag erklärt, der Internet-Eintrag stamme eindeutig vom Amokläufer. Am Freitag betonte er, es sei richtig gewesen, die Öffentlichkeit über die angebliche Ankündigung des Blutbads zu informieren. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz am Donnerstagmittag seien die Ermittler überzeugt gewesen, dass sich der Amokläufer wenige Stunden vor der Tat in einem Chatroom offenbart habe. Man sei verpflichtet gewesen, über diesen Ermittlungsstand zu berichten. „Man hätte uns sonst zu Recht vorgeworfen, wichtige und die Menschen bewegende Informationen zurückzuhalten.“

Rech betonte: „Ob der Internet-Eintrag echt ist oder nicht: Beide Varianten beschäftigen uns und machen betroffen.“ Für einen etwaigen Fälscher müsse es Konsequenzen geben. „Es kann und darf nicht sein, dass auf so skrupellose und menschenverachtende Weise die Gefühle der trauernden Angehörigen mit Füßen getreten werden.“ Zuvor hatte der Minister der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: „Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt.“

Es sei nicht auszuschließen, dass Tim K. die Ankündigung von einem anderen Computer abgesetzt habe, sagte eine Polizeisprecherin. „Ob der Täter ein Laptop hatte, wissen wir noch nicht.“ Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart besteht auch die Möglichkeit, dass der Todesschütze seine Tat vom Computer eines Freundes oder von einem Internetcafé aus versendet hat.

Die Südwest-SPD rügte die Panne als „peinlich“. „Hier geht Genauigkeit vor Schnelligkeit“, sagte SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte, die Ermittler würden noch zwei Tage brauchen, um den Chat-Eintrag zu prüfen. Die Ermittler haben ein Rechtshilfeersuchen an den Eigentümer des Servers in den USA in die Wege geleitet. „Wir wollen wissen: Hat der Chat überhaupt stattgefunden? Und: Ist die Ankündigung manipuliert?“, sagte ein Sprecher.

Unterdessen ging die Diskussion weiter, ob und wie Amokläufe künftig verhindert werden können. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) rief die Schützenvereine in Deutschland dazu auf, ihre Mitglieder besser zu kontrollieren. „Es muss klar sein, dass die Aufbewahrungspflichten im Waffengesetz unbedingt eingehalten werden müssen“, sagte sie der „Rheinischen Post“.

Die Waffengesetze müssen nach Rechs Meinung nicht geändert werden. „Wir haben bereits das schärfste Waffenrecht in Europa, aber es hat diese Tat in Winnenden nicht verhindert. Das Waffenrecht ist scharf genug“, sagte er „stern.de.“ Vielmehr müsse die Zuverlässigkeit der legalen Waffenbesitzer noch „erheblich gesteigert“ werden.

Bundespräsident Horst Köhler sagte während seines Besuches in Spanien in einem Grußwort vor König Juan Carlos in Madrid: „Die Tat des 17-Jährigen ist für uns unbegreiflich. Und doch müssen wir uns fragen, was unsere Antworten auf eine solche Tat sind. Wir brauchen in unseren Gesellschaften vor allem mehr Aufmerksamkeit füreinander, mehr Hinschauen, mehr Hinhören.“

Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, es gehe nun vor allem darum, jungen Menschen Orientierung zu geben und Vorbild zu sein: „Wir müssen klarmachen, dass die Welt nicht aus Siegern und Verlierern besteht und dass Gewalt und Gewaltverherrlichung niemals eine Lösung sein kann“, sagte er in Gelsenkirchen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen