Informieren: Wenn das eigene Kind rechtsextrem wird

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Deutsche Presse-Agentur

Plötzlich hört der Sohn komische Musik, trägt vornehmlich Kleidung einer bestimmten Marke und äußert sich abfällig über Ausländer: Ist er rechts, rechtsextrem oder sogar schon in einer Kameradschaft unterwegs?

„Das Erkennen von Rechtsextremismus ist für Eltern sehr schwierig geworden“, sagt Maria Grjasnow vom Kulturbüro Sachsen in Dresden. Seit den 90er Jahren gebe es ganz verschiedene Subkulturen, in denen rechtes Gedankengut herrscht. Deshalb müssten sich Eltern gründlich informieren.

Rund jeder siebte Jugendliche in Deutschland ist einer Studie zufolge sehr ausländerfeindlich. 4,9 Prozent der befragten Jungen und 2,6 Prozent der Mädchen gaben an, Mitglied einer rechtsextremen Kameradschaft oder Gruppe zu sein. Für die Studie befragte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen in den Jahren 2007 und 2008 fast 45 000 Schüler, die im Schnitt 15 Jahre alt waren. Zusätzlich wurden 8000 Viertklässler befragt.

Steht das Kind auf Musik, die den Eltern seltsam vorkommt, sollten sich Mutter oder Vater die CD anhören und die Texte lesen, rät Grjasnow, die als Beraterin im Pilotprojekt „Recall - Mit Eltern gegen rechts“ arbeitet. Wer im Internet nach Band oder Titel sucht, erfahre mehr über den Hintergrund. Im nächsten Schritt sollten Eltern den Jugendlichen auf die Musik ansprechen und fragen, woher er sie hat. Wurde die CD auf dem Schulhof verteilt, sei das ganz anders zu bewerten, als wenn er sie sich selbst besorgt hat. „Fragen Sie, warum ihr Kind das hört.“

Um über die Inhalte ins Gespräch zu kommen, könnten Eltern und Jugendlicher die CD gemeinsam anhören. Tauchen darin menschenverachtende Inhalte auf, sollten Mutter und Vater sehr deutlich machen, dass sie diese nicht akzeptieren können. „Eine deutliche Haltung ist wichtig, die man aber unbedingt begründen muss“, sagt Grjasnow. Handelt es sich um die „Schulhof-CD“, die von der NPD auf Schulhöfen verteilt wird, könnten Eltern auf einen Argumentationsleitfaden zurückgreifen. „Dann kann man die Texte einzeln durchgehen und über die Inhalte sprechen.“ Die Musik einfach zu verdammen, bringe dagegen wenig.

Statt Verbote und Drohungen auszusprechen, sollten Eltern versuchen, ihr Kind und seine Interessen ernst zu nehmen - „auch wenn es extrem schwer fällt“, sagt die Recall-Beraterin. „Machen Sie dem Jugendlichen ihre Haltung klar, sagen Sie ihm aber auch, dass Sie für ihn da sind.“ Denn Sätze wie „Dann bist du nicht mehr mein Sohn“, brächten gar nichts. Eltern hätten nur dann eine Chance, mit ihrem Kind in Kontakt zu bleiben und Einfluss zu nehmen, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht.

Alles akzeptieren müssten Eltern aber auch nicht. „Sie können zu Hause Regeln vereinbaren, etwa, dass bestimmte Kleidungsstücke dort nicht getragen werden“, sagte Grjasnow. Weggucken bringt ihr zufolge dagegen wenig. „Früher oder später müssen Sie sich mit dem Gedankengut ihres Kindes auseinandersetzen.“

Übersicht über Beratungsangebote für Eltern in Ostdeutschland: www.elternberatung-ost.de

Projekt Recall: www.recall-sachsen.de

Bundesweit arbeitende Exit-Elterninitiative in Berlin: www.raa-berlin.de/ExitEltern/neu

Netz gegen Nazis: www.netz-gegen-nazis.de

Argumentationshilfe zum Umgang mit der „Schulhof-CD“: www.jugendserver-dresden.de/media/files/argumente-gegen-npd-cd.pdf

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