In der Kita spielerisch Englisch und Gemeinsinn lernen

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Als bundesweit erste Kindertagesstätte ist die Einrichtung von educcare im Stuttgarter Westen in das Netzwerk der Unesco-Projektschulen aufgenommen worden.

„In beispielhafter Weise“ würde dort Bildung im frühen Alter systematisch in den Fokus gerückt, so die Begründung. Die Kinder lernen in der Bildungskindertagesstätte nicht nur Englisch, sondern auch, sich in die Gemeinschaft einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

„Wir haben noch ganz viele Fragen!“ Zwei Kinder stürmen auf die Leiterin von educcare, Anja Deyle, zu. „Was macht man, wenn man Tiere fotografieren will?“ Nach kurzem Nachdenken kommen sie auf eine Lösung: „Wir könnten sie mit Futter locken.“ Immer wieder gibt es in der Kindertagesstätte solche kleinen Aufgaben, mit denen die Kinder angeregt werden sollen, kreative Lösungen und Ideen zu entwickeln.

Zum Beispiel, wie sie an ihr Klettergerüst im Freien eine Rutsche anbringen könnten. Den Wunsch dazu haben die Kinder in einer sogenannten Kinderkonferenz geäußert. Ungefähr einmal im Monat kommt jede der beiden Kitagruppen mit je 20 Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren zusammen und wer will, darf hinter einem aufgestellten Tisch als Rednerpult sprechen. Dabei würden die Kinder nicht nur lernen, sich auszudrücken, sondern auch, andere von ihren Vorschlägen zu überzeugen. „Das stärkt bei vielen das Selbstbewusstsein, wenn sie sehen, dass sie selbst etwas bewegen können“, erklärt die Erzieherin.

Dazu gehört auch, dass die Kinder, wenn ihre Kita am 6. Februar offiziell als „mitarbeitendes Mitglied“ in den Kreis der Unesco-Projektschulen aufgenommen wird, die Feier quasi alleine planen. Dann werden einige Kinder durch das Programm führen und moderieren. Und genau wie sie werden Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) und der Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, Roland Bernecker, hinter einem umgedrehten Tisch ihre Rede halten.

Die Reden werden auf Deutsch sein. Doch auch Englisch ist selbst für die Ohren der 30 zwischen sechs Monaten und drei Jahre alten Kinder der drei Krippengruppen nicht fremd. „Put it back in the box“, weist eine Erzieherin ein kleines Mädchen an. Und prompt legt die Zweijährige die Sonnenbrille in den blauen Kasten. „Die Kinder lernen alle natürlich zuerst deutsch. Aber sie verstehen auch Englisch“, erklärt Anja Deyle. Befürchtungen, dass die Kinder dadurch überfordert werden, entkräftet Mario Gräff, der als pädagogischer Coach die Einrichtung mitbetreut: „Für sie ist es Alltag. Kinder werden nur dann überfordert, wenn sie auf Knopfdruck Leistung bringen müssen, zum Beispiel, wenn nur zu einer bestimmten Zeit ein Lehrer extra für zwei Stunden Unterricht kommen würde.“

„Kinder fühlen sich hier ernstgenommen, sie spüren, dass wir ihnen viel zutrauen“, sagt Anja Deyle. Der Umgang in der Kita sei sehr wertschätzend. Das gelte auch für die Eltern, die stark eingebunden werden, unter anderem in verschiedenen Arbeitsgruppen, die sich zum Beispiel um die Homepage kümmern. Auf großen Tafeln am Eingang sehen die Eltern, ob ihre Kleinen mit den Erzieherinnen im Wald waren oder die Gegend erkundet, welches Lied sie gesungen haben oder auch, was in den Kinderkonferenzen besprochen worden ist. Und alle drei und für die älteren Kinder alle sechs Monate gibt es mit deren Eltern ein Entwicklungsgespräch. „Dabei ist uns der positive Blick aufs Kind sehr wichtig und nicht, was das Kind noch nicht kann“, sagt Deyle.

Bei den Eltern kommt das Konzept an, bis 2010 gibt es keine freien Plätze mehr. Auch die zweite educcare-Einrichtung im Stuttgarter Stadtteil Wolfbusch, die in diesem Herbst ihre Kapazität von einer auf sechs Gruppen erweitert, ist bereits restlos belegt. „Die Unesco-Auszeichnung macht uns jetzt natürlich noch bekannter und begehrter“, sagt Deyle. Jeden Tag würde bis zu 15 Familien anrufen und nach einem Platz fragen. Denn nicht nur das Konzept, sondern auch der Preis ist attraktiv. Er liegt bei 101 Euro pro Monat, das entspricht dem Stuttgarter Regelsatz. „Wir richten uns nicht nur an eine reiche Klientel.“ Und auch das sei für die Unesco ausschlaggebend gewesen, die Einrichtung als einzige Kita in das Netzwerk aufzunehmen.

Weitere Informationen: s.hasenberg.educcare.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen