Im Berliner Simulations-OP dürfen Patienten sterben

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Auf dem Monitor im OP-Saal zittert die EKG-Kurve, der Blutdruck des Patienten sinkt rapide, und die Herz-Lungen-Maschine piept. Was Herzchirurgen im wahren Leben wohl Schweißperlen auf die Stirn triebe, ist am Deutschen Herzzentrum in Berlin eine täuschend echte Übung.

Als nach eigenen Angaben erstes Krankenhaus in Deutschland hat die Berliner Klinik einen kompletten Simulations-OP für die Ausbildung von Chirurgen, Kardiotechnikern und OP-Assistenten eingerichtet. Vom Mundschutz bis hin zu den teuren Maschinen ist alles echt - nur der Patient ist eine Puppe. Anders als in der Klinik darf sie hier auch mal problemlos „sterben“.

Piloten kennen Simulatoren schon lange. Sie sitzen in nachgebauten, beweglichen Cockpits und müssen blitzschnell reagieren, wenn das Triebwerk brennt. In der Medizin gebe es gute Übungsszenarien an Kliniken bisher nur für Anästhesisten, berichtet Frank Merkle, der für die Akademie für Kardiotechnik am Deutschen Herzzentrum arbeitet. Wie in jedem Beruf seien aber auch angehende Herzchirurgen, Kardiotechniker und OP-Assistenten Anfänger und in der Praxis wenig fit. Bisher schauten sie zur Übung bei Operationen zu. „Doch das ist so, als ob man Autofahren als Beifahrer lernt“, ergänzt Merkle. „Ungewöhnliche Situationen, mitten in der Nacht und vielleicht allein - das konnte man bisher nicht wirklich üben.“

Das soll sich ändern. Im Simulations-OP herrscht nun hektisches Treiben. Vor dem geöffneten Puppen-Brustkorb steht Roland Hetzer, Direktor des Herzzentrums, im grünem Kittel und mit Mundschutz. Die Herz-Lungen-Maschine überwacht Robert Friedrich, Kardiotechniker in der Ausbildung. Bei den oft stundenlangen Herzoperationen liegt das Leben eines Patienten auch in seiner Hand. Setzt die große Maschine mit ihren Pumpen und Schläuchen aus, ist der Notfall da. „Wenn der Strom ausfällt, muss ich die Pumpen mit der Hand bedienen können“, sagt Friedrich. Auch das übt sich besser an einer Puppe.

Eine Kamera zeichnet auf, wie das OP-Team auf die Notfallübung reagiert. Sind die Kommandos des Chirurgen angemessen, stimmt die gesamte Krisenkommunikation? Die simulierte OP kann sich das Team später auch auf Video ansehen - und daraus lernen. „Das alles gibt mir mehr Sicherheit“, sagt Robert Friedrich.

In Deutschland mache bisher nur eine Fachhochschule im Schwarzwald ähnliche Übungen möglich, berichtet Merkle. Für deutsche Kliniken sei das Neuland. Nach Angaben des Herzzentrums haben in Europa nur zwei Krankenhäuser, in Belgien und in Großbritannien, ähnliche Übungs-OPs. Weltweit gebe es rund sechs weitere Kliniken mit vergleichbarer Ausstattung.

100 000 Euro hat der Berliner Senat für den Simulations-OP zugeschossen, das Herzzentrum investierte weitere 50 000 Euro. Der Clou des Projekts aber sind die Original-Geräte, die für Ausbilder sonst unbezahlbar sind. Es gibt sie nur, weil das Herzzentrum für seine echten OPs kürzlich neue Technik anschaffte. Erst der Einsatz der abgebauten Geräte macht die Übungen so real. „Wir könnten hier auch wirklich operieren“, sagt Frank Merkle. Doch es soll ganz bewusst beim nachgestellten Notfall bleiben. Eine Patienten-Puppe mit pochendem Herzen soll das Szenario bald noch perfekter machen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen