Jörg Hoffman, Bundesvorsitzender der IG Metall und Michael Föst, dessen Statthalter in Albstadt, verlangen, dass die Politik in
Jörg Hoffman, Bundesvorsitzender der IG Metall und Michael Föst, dessen Statthalter in Albstadt, verlangen, dass die Politik in Sachen Infrastruktur nachlegt. (Foto: Kistner)
Martin Kistner

Die IG Metall schlägt Alarm: Deutschlands größte Einzelgewerkschaft befürchtet, die deutsche Wirtschaft könnte die digitale Zukunft und die autonome und elektrische Automobilität verschlafen. Am Mittwoch war ihr Bundesvorsitzender Jörg Hofmann in Albstadt.

So ändern sich die Zeiten: Im 19. Jahrhundert zerstörten verzweifelte Textilarbeiter noch die neuen mechanischen Webstühle, im 21. Jahrhundert sind es just die Interessenvertreter der bezahlten Arbeit, die darauf drängen, dass die Industrie sich beizeiten auf bevorstehende Umwälzungen einrichtet.

Die Gewerkschaft hat sich in 2000 deutschen Betrieben unterschiedlicher Größe umgehört und die Ergebnisse ihrer Recherchen in einem Transformationsatlas kartografiert. Jörg Hofmann und Michael Föst, sein Statthalter in Albstadt, finden diese Ergebnisse, gelinde ausgedrückt, ernüchternd: Die Unternehmen der Automobil-, Maschinenbau- und Elektroindustrie orientierten sich wie gehabt an Daten mit relativ kurzem zeitlichem Horizont, nämlich den Einträgen in ihren Auftragsbüchern, und menetekelten deshalb über Fachkräftemangel. Angesichts der wachsenden Konkurrenz der Medienriesen in Übersee steckten sie dagegen den Kopf in den Sand.

Das könnte sich schon absehbarer Zeit rächen. Hofmann nimmt zwar nicht an, dass den deutschen Exportweltmeistern der Himmel auf den Kopf fallen wird, aber er wirbt dafür, sich durch mehr Voraussicht „ein paar blaue Flecken zu sparen“. Die blauen Flecken könnten die seiner Klientel sein: Bei Zollern im Laucherttal würden gewisse Gusskomponenten derzeit noch von Hand geklebt – es sei nur eine Frage der Zeit, bis diese Arbeit ein Roboter übernehme. Bei den Angestellten sei die Lage auch nicht gerade rosig – in der Versicherungsbranche und der Kreditwirtschaft bedrohten Algorithmen zahlreiche Arbeitsplätze. Die Taxifahrer müssten die neuen Mobilitätsdienstleister fürchten, und auch im Maschinenbau sei so manche Spezies im Bestand gefährdet: Ein Unternehmen wie Trumpf sei mittlerweile in der Lage, jede verkaufte Maschine digital zu kontrollieren und unter Umständen auch digital zu reparieren. Da werde der Außendiensttechniker überflüssig.

Gut, dass es solche Unternehmen gibt – nicht um sie macht sich Hofmann Sorgen, sondern um die anderen, die entweder darauf vertrauen, dass die Suppe schon nicht so heiß gegessen wie gekocht wird, oder aber keine Ressourcen für einen Kurswechsel besitzen. Wer vom Punkt Null aus starte, für den sei Innovation relativ unproblematisch; wesentlicher schwerer falle es, bereits bestehende Wertschöpfungsketten „herunter zu skalieren“. Es müssten neue Produkte entwickelt, neue Fertigkeiten erlernt, neue Zulieferbeziehungen aufgebaut werden, und das koste erstens Geld – das so mancher kleine Unternehmer nicht habe – und zweitens Zeit. Die aber laufe davon: Die Konkurrenz in Amerika und Fernost, das zeige der Transformationsatlas, sei in vielen Branchen bereits enteilt, und die Aufholjagd werde dadurch erschwert, dass die Politik die nötigen Rahmenbedingungen vorenthalte: Keine Breitbandvernetzung, keine Ladeinfrastruktur für Elektroautos, keine Stromleitungen für regenerative Energie – so sei man gegen Südkorea und Japan chancenlos.

Was tun? Von der Politik verlangt Hofmann, dass sie ihre Hausaufgaben in Sachen Infrastruktur macht – und von den Unternehmen, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen. Sie müssten investieren, in Produkte und in die Mitarbeiter – und sie müssten langfristiger planen: „Die Planungszeiträume betragen in der Regel zwei oder drei Jahre; das ist viel zu kurz. Wir wissen, wie stark sich der CO2-Ausstoß bis 2030 verringern muss, und wir wissen, wann die Kohleverstromung ausläuft. Wir brauchen keine Glaskugel dafür.“

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