Idyllisch: Auerochsen weiden am renaturierten Sixenbach
Idyllisch: Auerochsen weiden am renaturierten Sixenbach

„Der Auerochse oder Ur (Bos primigenius) ist der Stammvater der europäischen Hausrinder. Einst waren diese Wildrinder über weite Teile Europas, Asiens und Nordafrika verbreitet. Am längsten hielt sich der Auerochse in Osteuropa. In Polen starb die letzte Auerochsenkuh 1627“, heißt es auf der Infotafel. Jetzt züchtet Martin Hertlein auf dem Grundstück der Comboni-Missionare Auerochsen. Die Weide im idyllischen „Josefstal“ erstreckt sich etwa einen Kilometer durch die renaturierte Sixenbach-Aue.

Leise und gemächlich plätschert der Sixenbach vor sich hin, mäandrierend sucht er sich seinen Weg durch die wiedergewonnene Natur. Im Schatten des Comboni-Hauses in Schleifhäusle blüht ein Sonnenblumenfeld. „Vorsicht! Freilaufender Bulle. Weide nicht betreten“, warnt plötzlich ein gelbes Schild die Erholung und Entspannung suchenden Besucher. Michaela Egner ist mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Lukas unterwegs, beide sitzen auf dem Fahrrad und freuen sich über die Auerochsen. „Wir kommen oft hierher, wandern, schauen uns die Tiere an und genießen die Natur“, sagt die Ellwangerin. „Guck mal, wie riesig die sind“, wendet sie sich an den Kleinen. Auch der Altersgenossenverein 1939 Wasseralfingen schaut in diesem Paradies vorbei. „Das ist hoch interessant“, findet Adolfine Rödel-Klopfer aus Stuttgart: „Wunderschön, dass die Auerochsen wieder da sind. Im Kreuzworträtsel kommt immer Auerochse – Ur.“

Ein Elektrozaun rund um die Weide verhindert ein Ausbüxen der neun robusten, widerstandsfähigen Auerochsen, darunter sechs weibliche. Selbst Schreinermeister und Zimmermann Martin Hertlein, der die Rinder züchtet, hat einen gesunden Respekt vor den gehörnten Herdentieren. „Eine gewisse Distanz ist immer angebracht“, sagt der naturverbundene 48-Jährige. Immerhin bringt ein ausgewachsenes Tier zwischen 500 und 800 Kilogramm auf die Waage.

Martin Hertlein, dem die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt, betreibt seit 14 Jahren die Möbelwerkstatt der Comboni-Missionare im „Josefstal“ und hat seit zwei Jahren die Landwirtschaft und das dazugehörige Anwesen des Ordens in Schleifhäusle in Erbpacht. Von 1978 bis 1981 hat er in den Comboni-Werkstätten gelernt, danach war er mit den Combonis im Einsatz in Kenia. Und da entdeckte er seine Liebe zur Natur wieder. „Ich wollte schon immer was mit Tieren machen“, begründet Hertlein die sinnvolle Nutzung des Stücks Land in der renaturierten Sixenbach-Aue. Die 7,34 Hektar große Weide bietet Nahrung für etwa 15 Auerochsen, Hertlein hat zurzeit neun. Leitkuh Elisa, geboren am 28. März 2005 am Zuchtstandort Steinberg bei Weilheim in Oberbayern, weidet seit 17. Dezember 2008 im „Josefstal“. Zusammen mit den Kühen Ester und Eva war sie die Erste auf der Weide. „Die Leitkuh ist diejenige, die was zu sagen hat“, erklärt Hertlein die Rangordnung. Stier Amir kam im September 2009 zur Herde. Alle weiteren Tiere wurden bereits in „Josefstal“ gezeugt beziehungsweise geboren. Else musste mit der Flasche aufgezogen werden. Vom Nachwuchs der Kühe sind zwei gestorben.

Die Stiere, Kühe und Kälber leben das ganze Jahr über im Freien, auch im Winter. „Erst bei geschlossener Schneedecke wird mit Heu zugefüttert“, berichtet Martin Hertlein: „Die dürfen über Winter ruhig ein bisschen abspecken, das macht gar nichts aus.“ Auf der Weide hat Hertlein auch zwei Esel und eine Herde Kamerunschafe. Und– seit Ende Mai diesen Jahres – die drei Koniks Madeira, Gwen und Pegasus, Rückzüchtungen von den Wildpferden Tarpans, die in Symbiose mit den Rindern leben.

Die Renaturierung des Sixenbachs, früher ein Hochwassergebiet, ist ein Projekt des Landschaftserhaltungsverbands Ostalbkreis e.V., der Comboni-Missionare und des Wasserverbands Obere Jagst. Durch die Renaturierung im Winter 2008/2009 erhielt der Sixenbach auf eine Bachlänge von zirka 1500 Metern wieder nahezu seine ursprüngliche mäandrierende Gestalt zurück. Auerochsen werden in Deutschland seit 1981 gezielt zur Landschaftspflege eingesetzt. Internet: www.auerochsen-im-josefstal.de

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