„Ich habe zu wenig gelebt und zu viel geschrieben“

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„Ich habe zu wenig gelebt und zu viel geschrieben“
Schwäbische Zeitung

Günter Herburger ist am Karfreitag 80 geworden. Der 1932 in Isny geborene Schriftsteller gehört zur ersten Riege der deutschen Autoren. SZ-Mitarbeiterin Barbara Rau führte mit dem in Berlin lebenden Autor ein sehr amüsantes und persönliches Telefonat.

Herr Herburger, was wünschen Sie sich selbst zum Geburtstag?

Günter Herburger: Gute Frage - im Grunde nichts. Es geht mir gut. Ich freue mich, dass das Wetter so schlecht ist, das passt zum zahnlückigen Berlin, wo es mir viel besser gefällt als im Allgäu.

Gerade wollte ich Sie fragen, ob Sie manchmal Heimweg nach dem Allgäu, nach Isny, haben .

Herburger: Nein, habe ich überhaupt nicht. An Ostern sind wir zwar in meinem Mutterhaus in Isny, aber meine Familie flüchtet öfter ins Allgäu, und ich bleibe meist in Berlin. Im Allgäu gibt es nur noch Mais und Reiterhöfe, und Kühe sehe ich überhaupt nicht mehr, die leben in schön gelüfteten Ställen. Höchstens ein paar Schumpen dürfen noch raus. Schumpen darf ich hier ja sagen, in Berlin würde das keiner verstehen. Innerlich liebe ich das Allgäu, habe aber kein Heimweh. Das Allgäu,das ich liebe, ist die wilde Kulturlandschaft mit den vielen Zäunen aus Draht, Gestrüpp, Rohren und Holzstangen.

Bereuen Sie, etwas in diesen 80 Jahren nicht getan zu haben?

Herburger: Sehr viel sogar. Ich habe zu wenig gelebt und zu viel geschrieben. Anderthalb Jahrzehnte habe ich gar nicht gelebt, als ich an meiner 2000-seitigen – über diese Zahl stolpert sogar meine Zunge - Thuja-Trilogie geschrieben habe. Im Übrigen empfinde ich den 80. als Irrtum, meine Mutter muss sich da vertan haben. Das ist unmöglich, ich fühle mich nicht so.

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