„Ich erlebte die Notwasserung - im Simulator“

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Deutsche Presse-Agentur

„Cleared for Take-off Runway 04“, sagt Flugkapitän Maik Schindler. In den Bordcomputer hat er exakt dieselben Flugdaten einprogrammiert wie sein amerikanischer Kollege Chesley Sullenberger am Donnerstag auf dem New Yorker Flughafen La Guardia.

Der Unterschied: Maik Schindler und ich sitzen im Cockpit einer Boeing 737-700 und nicht eines Airbus A320. Und das Cockpit gibt es nur virtuell. Wir befinden uns in einem Simulator in Berlin, vor uns die Startbahn von La Guardia - auf einer vier Meter breiten Leinwand in hochauflösender Grafik.

Maik Schindler hat die Hand auf dem Schubhebel, der schon Tausende von echten Flugstunden hinter sich hat. Denn der Simulator wurde in einem ausgedienten Flugzeug eingerichtet. Wir hören das Brummen der hochdrehenden Turbinen, eine leichte Vibration durchzieht das Cockpit. Schindler schiebt den Hebel langsam nach vorne, die Maschine setzt sich in Bewegung. Der Kapitän versucht, sie auf der Centerline, dem Mittelstrich der Bahn, zu halten, dann hebt die 737 ab, das Fahrwerk wird eingezogen.

Den Simulator haben wir so programmiert, dass die Triebwerke nach drei Minuten auf beiden Seiten ausfallen - so, wie es beim Flug 1549 am Donnerstag gewesen sein könnte. „Wir sind jetzt genau auf 1400 Fuß mit 185 Knoten“, sagt Schindler. Unter uns liegen - virtuell - die Wolkenkratzer von New York. Plötzlich ertönen akustische Warnmeldungen, die Triebwerksanzeigen leuchten rot auf.

Es ist passiert, nacheinander geben die Triebwerke keinen Schub mehr. Rasant sinkt die Maschine. Kapitän Schindler erklärt: „Sie ist weiter gut zu steuern.“ In niedriger Höhe überfliegen wir die Häuser, vor uns quasi im rechten Winkel liegt der Hudson Fluss. „Wie sollen wir dort nur notlanden“, frage ich mich. Doch dem Piloten gelingt souverän eine Kurve nach links, plötzlich ist das Wasser unter uns. Wir schießen über Segelboote hinweg. „50 Fuß, 40, 30, 20, 10“, dröhnt eine Stimme aus dem Lautsprecher - wir setzen auf.

Ziemlich weich, finde ich, fast butterweich und unspektakulär. „Als nächstes würden jetzt die Notausgänge auf beiden Seiten geöffnet werden“, sagt Pilot Schindler. „Aber die Simulation jetzt ist natürlich etwas anderes als der Ernstfall. Mein Leben und das der anderen Menschen an Bord hing davon jetzt eben nicht ab.“

Während ich wenig später mit Schindler zum Kaffeeautomaten gehe, denke ich darüber nach, wie dramatisch es wohl zur gleichen Zeit und in den folgenden Minuten in der echten Maschine zugegangen sein muss.

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