Der Mann, der als Hochstapler gilt, bei einer früheren Buchvorstellung.
Der Mann, der als Hochstapler gilt, bei einer früheren Buchvorstellung. (Foto: archiv: Streck)
sbo und Cornelia Spitz

Für den FDP-Bundestagsabgeordneten Marcel Klinge waren die vergangenen Wochen ein einziger Ausnahmezustand - „meine Familie und ich hatten ein paar echt harte Wochen“, schrieb er am Mittwoch im Internet. Marcel Klinge und seine Familie seien von einem Mann gestalkt worden, der im Netz und in E-Mails an verschiedenste Stellen und Persönlichkeiten unwahre Geschichten über sie verbreitet habe.

Klinge fehlen nun schlichtweg die Worte – dem Mann aber, um den sich alles dreht, fielen in jeder Hinsicht viele ein: Als Hochstapler erfand er sich immer wieder neu, er verpasste sich im Internet verschiedenste Identitäten und hetzte in E-Mails an andere Abgeordnete und Mandatsträger gegen Klinge.

Als Klinge über den Mann, der in Villingen wohnhaft ist, recherchierte, weil er die Angriffe auf sich und seine Familie anzeigen wollte, hatte er es jedoch plötzlich mit vielen Personen zu tun: Immer wieder begegnete ihm der Mann unter anderen Namen. „Die polizeibekannte Person gibt sich seit Jahren in VS als falscher Wissenschaftler aus und verkauft sich in den Medien als Strafrechtsexperte“, wundert sich Klinge.

Mal sei das ein adeliger Name mit mehreren Vornamen, mal mit akademischem Grad bis hin zum Professoren-Titel versehen, dann wieder kurz und knapp, und immer wieder mit anderen Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen, mal als Buch-Autor, als Journalist, dann wieder als Wissenschaftler, als Dozent an Hochschulen oder Jugendberater beispielsweise.

Seine E-Mails, in welchen er Klinge denunzierte, erreichten beispielsweise den Landrat, den Oberbürgermeister Jürgen Roth oder Parteifreunde Klinges. Der Absender war zwar ein Pressedienst angeblicher investigativer Journalisten – beim Klick auf den entsprechenden Link jedoch war klar: Dahinter steckt der Mann mit den vielen Gesichtern.

Der Mann trat auch als angeblicher Experte sogar mehrfach in diversen Medien in Erscheinung – beispielsweise in einem Bericht des Schwarzwälder Boten im Jahre 2013, in diversen weiteren Veröffentlichungen, aber auch in der RTL-Sendung „Explosiv“, sowie im „Sat.1-Frühstücksfernsehen“ als angeblicher Experte in Sachen Strafvollzug.

Letzterer könnte er tatsächlich sein, denn der Mann soll bereits eine längere Haftstrafe verbüßt haben und Anlass für diverse Verfahren gewesen sein, auch wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. In seiner Akte soll es viele Eintragungen geben, darunter auch einschlägige dieser Art. Und auch ganz aktuell sei gegen den Mittfünfziger ein relativ neues Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft in Konstanz wegen eines solchen Vorwurfs anhängig.

Wie ernst die schier unglaubliche Geschichte um den Mann mit den zig Gesichtern jedoch in Villingen-Schwenningen zu sein scheint, belegen nicht nur die Recherchen über die bei der Staatsanwaltschaft laufenden Ermittlungen.

Auch polizeibekannt sei der Wahl-Villinger, bestätigt Harri Frank von der Polizeidirektion in Tuttlingen. Wegen des Verdachts der Entziehung von Minderjährigen soll die Kriminalpolizei in Villingen dem Hochstapler aktuell nachstellen.

Über seine derzeitige berufliche Tätigkeit soll der Mann den Kontakt zu Jugendlichen gesucht haben.

Doch für den Bundestagsabgeordneten, der im Zuge seiner persönlichen Erkundigungen über den Villinger ebenfalls von den „schwerwiegenderen Dingen“ erfahren hat, die diesem vorgeworfen werden und in der Vergangenheit wurden, liegt genau darin die Krux: Es sei unglaublich wie jemand mit einer solchen Vorgeschichte einfach von einem Ort in den nächsten ziehen und sich „ein neues Klingelschild mit neuem Namen ran machen“ kann. Hier müsse die Politik ansetzen. Denn Klinge weiß: Stalking betraf nicht nur ihn, sondern – sogar in diesem Fall – noch viele andere.

Nachdem er am Mittwoch über seinen Fall im Internet berichtet hatte, glühte bei dem FDP-Politiker der Draht. „Es haben sich noch viele weitere Betroffene bei mir gemeldet“, erzählte er.

Er hofft nun nicht nur auf wieder ruhigere Zeiten für sich und seine Familie, sondern auch auf Zeiten, in welchen Hochstapler wie der Villinger Mr. X mit ihrer Masche chancenlos sind. Klinges Appell: „Zweimal hinschauen, wenn man bei Facebook oder Instagram eine Freundschaftsanfrage erhält. Vor allem: Kinder sensibilisieren im Umgang mit sozialen Medien.“

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